Als 1924 im Ammoniakwerk Merseburg der Werksärztliche Dienst ins Leben gerufen wurde, standen Tuberkulose, Läuse und Arbeitsunfälle ganz oben auf der Liste der gesundheitlichen Probleme. Seither hat sich vieles verändert – doch eines ist geblieben: Die Institution sorgt bis heute für die Vorsorge von Tausenden Beschäftigten am Chemiestandort Leuna. Inzwischen sind es rund 15.000 Menschen, die sich auf die Expertise des Teams verlassen können.
Ein traditionsreicher Standort
Die Geschichte reicht zurück bis zu den Anfängen der chemischen Industrie in Mitteldeutschland. Damals rief die BASF den Dienst ins Leben, um die Gesundheit ihrer Arbeiter zu schützen. Heute ist er als Abteilung der InfraLeuna fest in die moderne Standortstruktur eingebettet – und seit nunmehr 101 Jahren im Erdgeschoss des Gesundheitszentrums ansässig.
Leiterin Josephine Reeg beschreibt den Wandel: „Vieles aus den Anfangsjahren war baulich noch vorhanden. Die Räume waren vergilbt, die Leitungen veraltet.“ Erst eine Generalsanierung durch den Vermieter WWL brachte die Lösung. Nun feierte das 14-köpfige Team, darunter fünf Ärztinnen, den Wiedereinzug in die modernisierten Räume – früher als geplant. „Eigentlich wollten wir erst im Oktober zurück. Doch die Handwerker waren fantastisch.“

Mehr Platz für Vorsorge
Nicht nur Böden, Decken und Wände wurden erneuert – es kamen auch ein zusätzliches Sprechzimmer, ein Aufenthaltsraum und eine Personaltoilette hinzu. Statt einer alten Schallkabine steht nun ein schallgeschützter Raum für Hörtests zur Verfügung. Für das Team bedeutet das eine deutliche Verbesserung des Arbeitsalltags.
Das Kerngeschäft bleibt die arbeitsmedizinische Vorsorge. „Wir sagen nicht Patienten, denn die Menschen kommen nicht mit Krankheiten zu uns“, betont Reeg. Stattdessen geht es um Eignungsuntersuchungen, Impfungen, Biomonitoring zur Kontrolle von Gefahrstoffbelastungen, Seh- und Hörtests oder Herz-Kreislauf-Checks. Besonders wichtig: Belastungs-EKGs, um bei Schichtarbeitern Herzprobleme frühzeitig zu erkennen. Je nach Arbeitsplatzrisiko und Alter werden die Beschäftigten alle ein bis drei Jahre untersucht. Gerade in der Chemiebranche gelten besonders strenge arbeitsmedizinische Regeln – wegen der höheren Gefährdung.
Zweites Standbein Reisemedizin
Neben der Betreuung der Standortbetriebe hat der Dienst noch eine weitere wichtige Aufgabe: die Reisemedizin. Dafür ist das Team weit über Leuna hinaus zuständig. „Wir beraten Menschen aus dem gesamten Süden Sachsen-Anhalts und bieten alle in Deutschland verfügbaren Impfungen an – von Gelbfieber über Affenpocken bis Tollwut“, so Reeg.
Damit schließt sich ein Kreis zur eigenen Historie: Während Tuberkulose vor hundert Jahren noch eine reale Bedrohung für die Arbeiter im Werk war, spielt sie heute nur noch in Reiseberatungen für Asien eine Rolle.
Moderne Aufgaben – historische Verantwortung
Der Werksärztliche Dienst in Leuna steht beispielhaft für den Wandel der Arbeitsmedizin: von der Bekämpfung klassischer Infektionskrankheiten hin zu umfassender Vorsorge in einer hochindustrialisierten Arbeitswelt. Mit den neuen Räumen ist er für die kommenden Jahre gerüstet – und bleibt zugleich ein Stück lebendiger Industriegeschichte.
Falk Morgenstern





