Jens Haselow, Verhandlungsführer Arbeitgeberverband Nordostchemie, und Stephanie Albrecht-Suliak, Verhandlungsführerin und Landesbezirksleiterin IGBCE Nordost, Foto: AGV Nordostchemie

Chemiearbeitgeber fordern tarifpolitische Atempause – Schutz von Standorten und Arbeitsplätzen hat Priorität

Regionale Tarifverhandlungen für die ostdeutsche Chemie- und Pharmaindustrie ergebnislos vertagt

Leuna 20. Januar 2026. Ohne Ergebnis sind die heutigen regionalen Tarifverhandlungen für die ostdeutsche Chemie- und Pharmaindustrie im Kulturhaus Leuna (Sachsen-Anhalt) vertagt worden. Die Arbeitgeberseite machte dabei deutlich: Angesichts der angespannten wirtschaftlichen Lage brauche es dringend eine „tarifpolitische Atempause“. Lohnerhöhungen seien unter den aktuellen Rahmenbedingungen kaum darstellbar – zu groß sei das Risiko, die Zukunft ganzer Standorte zu gefährden. Fortgesetzt werden die Gespräche am 3. Februar auf Bundesebene.

„Wir stehen vor einer existenziellen Herausforderung für den Chemiestandort Ostdeutschland“, erklärte Jens Haselow, Verhandlungsführer des Arbeitgeberverbands Nordostchemie e. V. In den vergangenen Monaten hätten Unternehmen in der Region bereits Anlagen geschlossen. „Jeder Arbeitsplatz, der verloren geht, schwächt nicht nur die betroffenen Familien, sondern die gesamte Wertschöpfungskette unserer Verbundstandorte“, so Haselow.

Tarifverhandlung in Leuna für die chemisch-pharmazeutische Industrie in Ostdeutschland, Foto: AGV Nordostchemie

Verbundstandorte unter massivem Druck

Besonders kritisch sei die Lage in Ostdeutschland, wo die Chemieindustrie stark von Verbundstandorten geprägt ist. Dort greifen Betriebe entlang der chemischen Produktionsketten eng ineinander. Fällt ein Teil dieser Struktur weg, kann dies Auswirkungen auf ganze Produktionssysteme haben – mit Folgen für Wettbewerbsfähigkeit, Beschäftigung und industrielle Wertschöpfung.

Die Arbeitgeber sehen vor allem deshalb Handlungsbedarf, weil die Unternehmen Zeit benötigen, um ihre Betriebe an die veränderten Marktbedingungen anzupassen. „Unsere Unternehmen benötigen jetzt eine tarifpolitische Atempause, damit die Betriebe ihre Strukturen an die aktuelle Marktsituation anpassen, Investitionen priorisieren und Produktionsprozesse effizienter gestalten können“, sagte Nora Schmidt-Kesseler, Hauptgeschäftsführerin von Nordostchemie.

IGBCE setzt auf Kaufkraft und Beschäftigungssicherung

Die Gewerkschaft IGBCE fordert hingegen eine Erhöhung der Einkommen für Tarifbeschäftigte sowie Auszubildende, um die Kaufkraft zu stärken. Zudem soll es tarifliche Instrumente geben, die Beschäftigung langfristig absichern.

Strukturelle Nachteile und wirtschaftliche Belastungen

Nach Angaben der Arbeitgeber leidet die Branche derzeit unter einer Vielzahl von Belastungen: hohe Energiepreise, steigende Arbeitskosten, zunehmende Bürokratie, schwache Nachfrage sowie geopolitische Unsicherheiten. Zusätzlich setze ein deutlicher Importdruck die Unternehmen unter Zugzwang. Die Produktionsauslastung befinde sich auf einem historisch niedrigen Niveau.

Bundesweit seien bereits tausende Arbeitsplätze in der Chemieindustrie abgebaut worden oder stünden zur Disposition. Auch in Ostdeutschland seien Standorte und Beschäftigung zunehmend konkret gefährdet.

„Wir brauchen einen Tarifabschluss, der die Krise anerkennt und nicht verschärft“, betonte Haselow. „Unser oberstes Ziel muss der Schutz des Standorts und die Sicherung von Arbeitsplätzen sein. Die De-Industrialisierung, die wir bereits erleben, müssen wir gemeinsam stoppen.“

Appell an die Gewerkschaft

Mit Blick auf die kommenden Gespräche richten die Chemiearbeitgeber einen klaren Appell an die IGBCE: Die wirtschaftliche Realität müsse als Grundlage für die weiteren Verhandlungen akzeptiert werden. Nur mit einem „tarifpolitisch verantwortungsvollen Umgang“ könne Stabilität geschaffen werden – als Voraussetzung für Investitionen und langfristige Wettbewerbsfähigkeit.

Die regionalen Verhandlungen in Leuna sind Teil der bundesweiten Chemie-Tarifrunde 2026. Auf Bundesebene sollen die Gespräche am 3. Februar fortgesetzt werden.

Falk Morgenstern

Zwischen Moral und Markt: Ist Grüne Chemie noch wirtschaftlich?

Zwischen Moral und Markt: Ist Grüne Chemie noch wirtschaftlich?

CarbonCycleCultureClub diskutiert im Industrie- und Filmmuseum Bitterfeld-Wolfen über die Zukunft der Chemiebranche Die chemische Industrie steht unter enormem Druck: steigende Energiepreise, geopolitische Krisen, CO₂-Kosten und internationale Konkurrenz belasten Unternehmen weltweit. Gleichzeitig wächst der gesellschaftliche und politische Anspruch an mehr Nachhaltigkeit, Ressourcenschonung und Kreislaufwirtschaft. Doch kann „Grüne Chemie“ unter diesen Bedingungen überhaupt wirtschaftlich sein? Mit genau…

10 Unternehmen als „Top-Ausbildungsbetriebe 2026“ ausgezeichnet

10 Unternehmen als „Top-Ausbildungsbetriebe 2026“ ausgezeichnet

Mit Engagement für Ausbildung Fachkräfte von morgen sichern Merseburg. Ohne engagierte Ausbildungsbetriebe keine Fachkräfte von morgen – genau hier setzen zehn Unternehmen aus dem südlichen Sachsen-Anhalt an. Mit großem Einsatz, persönlicher Begleitung und attraktiven Perspektiven für junge Menschen leisten sie einen wichtigen Beitrag für die Zukunft der Region. Für dieses besondere Engagement sind sie am…

Neue Runde der Energie-Scouts erfolgreich abgeschlossen

Neue Runde der Energie-Scouts erfolgreich abgeschlossen

IHK-Projekt endet mit Abschlussveranstaltung in Schkopau Schkopau/Leuna. Die aktuelle Runde der „Energie-Scouts“ ist erfolgreich zu Ende gegangen. Die Initiative der Industrie- und Handelskammern (IHK) bietet Auszubildenden die Möglichkeit, sich intensiv mit Themen wie Energieeffizienz, Nachhaltigkeit und betrieblichen Einsparpotenzialen auseinanderzusetzen. Auch in diesem Jahr beteiligten sich zahlreiche Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen – von der Chemie- über…

Fachseminar zum Thema Prozessdruckentlastung

Fachseminar zum Thema Prozessdruckentlastung

Merseburg, April 2026 – In industriellen Anlagen, in denen mit Druck gearbeitet wird, zählt Sicherheit zu den entscheidenden Faktoren für einen zuverlässigen und wirtschaftlichen Betrieb. Vor diesem Hintergrund findet am 22. April 2026 im Radisson Blu Hotel in Merseburg ein Fachseminar zum Thema Prozessdruckentlastung mit Berstscheiben statt. Die Veranstaltung richtet sich an Fach- und Führungskräfte…

Chemie- und Raffineriepakt für Ostdeutschland unterzeichnet

Chemie- und Raffineriepakt für Ostdeutschland unterzeichnet

Gemeinsames Signal für Industrie und Arbeitsplätze Im Schulterschluss von Politik, Industrie, Beschäftigten und Gewerkschaften ist heute der Chemie- und Raffineriepakt Ostdeutschland unterzeichnet worden. Die Vereinbarung gilt als klares Bekenntnis zu den industriellen Wurzeln sowie zu den Zukunftschancen der Chemie- und Raffineriestandorte in der Region. Zu den Unterzeichnern zählen Sachsen-Anhalts Wirtschaftsminister Michael Richter, Nora Schmidt-Kesseler, Hauptgeschäftsführerin…