Regionale Tarifverhandlungen für die ostdeutsche Chemie- und Pharmaindustrie ergebnislos vertagt
Leuna 20. Januar 2026. Ohne Ergebnis sind die heutigen regionalen Tarifverhandlungen für die ostdeutsche Chemie- und Pharmaindustrie im Kulturhaus Leuna (Sachsen-Anhalt) vertagt worden. Die Arbeitgeberseite machte dabei deutlich: Angesichts der angespannten wirtschaftlichen Lage brauche es dringend eine „tarifpolitische Atempause“. Lohnerhöhungen seien unter den aktuellen Rahmenbedingungen kaum darstellbar – zu groß sei das Risiko, die Zukunft ganzer Standorte zu gefährden. Fortgesetzt werden die Gespräche am 3. Februar auf Bundesebene.
„Wir stehen vor einer existenziellen Herausforderung für den Chemiestandort Ostdeutschland“, erklärte Jens Haselow, Verhandlungsführer des Arbeitgeberverbands Nordostchemie e. V. In den vergangenen Monaten hätten Unternehmen in der Region bereits Anlagen geschlossen. „Jeder Arbeitsplatz, der verloren geht, schwächt nicht nur die betroffenen Familien, sondern die gesamte Wertschöpfungskette unserer Verbundstandorte“, so Haselow.

Verbundstandorte unter massivem Druck
Besonders kritisch sei die Lage in Ostdeutschland, wo die Chemieindustrie stark von Verbundstandorten geprägt ist. Dort greifen Betriebe entlang der chemischen Produktionsketten eng ineinander. Fällt ein Teil dieser Struktur weg, kann dies Auswirkungen auf ganze Produktionssysteme haben – mit Folgen für Wettbewerbsfähigkeit, Beschäftigung und industrielle Wertschöpfung.
Die Arbeitgeber sehen vor allem deshalb Handlungsbedarf, weil die Unternehmen Zeit benötigen, um ihre Betriebe an die veränderten Marktbedingungen anzupassen. „Unsere Unternehmen benötigen jetzt eine tarifpolitische Atempause, damit die Betriebe ihre Strukturen an die aktuelle Marktsituation anpassen, Investitionen priorisieren und Produktionsprozesse effizienter gestalten können“, sagte Nora Schmidt-Kesseler, Hauptgeschäftsführerin von Nordostchemie.
IGBCE setzt auf Kaufkraft und Beschäftigungssicherung
Die Gewerkschaft IGBCE fordert hingegen eine Erhöhung der Einkommen für Tarifbeschäftigte sowie Auszubildende, um die Kaufkraft zu stärken. Zudem soll es tarifliche Instrumente geben, die Beschäftigung langfristig absichern.
Strukturelle Nachteile und wirtschaftliche Belastungen
Nach Angaben der Arbeitgeber leidet die Branche derzeit unter einer Vielzahl von Belastungen: hohe Energiepreise, steigende Arbeitskosten, zunehmende Bürokratie, schwache Nachfrage sowie geopolitische Unsicherheiten. Zusätzlich setze ein deutlicher Importdruck die Unternehmen unter Zugzwang. Die Produktionsauslastung befinde sich auf einem historisch niedrigen Niveau.
Bundesweit seien bereits tausende Arbeitsplätze in der Chemieindustrie abgebaut worden oder stünden zur Disposition. Auch in Ostdeutschland seien Standorte und Beschäftigung zunehmend konkret gefährdet.
„Wir brauchen einen Tarifabschluss, der die Krise anerkennt und nicht verschärft“, betonte Haselow. „Unser oberstes Ziel muss der Schutz des Standorts und die Sicherung von Arbeitsplätzen sein. Die De-Industrialisierung, die wir bereits erleben, müssen wir gemeinsam stoppen.“
Appell an die Gewerkschaft
Mit Blick auf die kommenden Gespräche richten die Chemiearbeitgeber einen klaren Appell an die IGBCE: Die wirtschaftliche Realität müsse als Grundlage für die weiteren Verhandlungen akzeptiert werden. Nur mit einem „tarifpolitisch verantwortungsvollen Umgang“ könne Stabilität geschaffen werden – als Voraussetzung für Investitionen und langfristige Wettbewerbsfähigkeit.
Die regionalen Verhandlungen in Leuna sind Teil der bundesweiten Chemie-Tarifrunde 2026. Auf Bundesebene sollen die Gespräche am 3. Februar fortgesetzt werden.
Falk Morgenstern





