Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Sven Schulze (CDU) auf dem 3. Merseburger Wirtschaftsgespräch, Foto: L. Teschner

Chemiebranche im Wandel: Zwischen globalem Druck und regionaler Stärke

Steigende Kosten, internationale Konflikte und wirtschaftliche Unsicherheiten setzen der Industrie in Deutschland stark zu – auch im Saalekreis. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, wie wettbewerbsfähig die chemische Industrie in Mitteldeutschland noch ist und wie gut sie den aktuellen Belastungen standhalten kann.

Diese Themen bestimmten das 3. Merseburger Wirtschaftsgespräch. Vertreter aus Politik und Wirtschaft, darunter Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Sven Schulze (CDU), Infra-Leuna-Geschäftsführer Christof Günther und Tino Haring von der Kreisentwicklungsgesellschaft, betonten übereinstimmend: Die Region verfüge über gute Voraussetzungen – allerdings müssten die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen dringend verbessert werden. Günther warnte eindringlich vor einem fortschreitenden Verlust von Industriearbeitsplätzen: „Wir erleben derzeit eine Erosion, wie es sie so noch nicht gegeben hat.“

Auch Astrid Hamker, Präsidentin des CDU-Wirtschaftsrates, sieht strukturelle Defizite. Deutschland habe sich nicht ausreichend auf Krisen wie den Ukraine-Krieg oder Konflikte im Nahen Osten vorbereitet. „Die Folgen holen uns jetzt ein“, sagte sie.

Stärken schwinden unter globalem Druck

Während der Corona-Pandemie habe sich der Chemiestandort Leuna noch als stabil erwiesen. Dank der engen Verzahnung innerhalb des Produktionsverbundes konnten Lieferengpässe weitgehend kompensiert werden. „Wir konnten vieles selbst abdecken“, erklärte Günther.

Doch mit dem Ukraine-Krieg habe sich die Situation grundlegend verschärft. Vor allem die Energie- und Rohstoffpreise seien massiv gestiegen – ein Problem, das laut Günther hauptsächlich Europa betreffe. Während andere Weltregionen wie die USA weniger betroffen seien, verliere der europäische Standort zunehmend an Wettbewerbsfähigkeit. „Der Vorteil unserer Verbundstruktur schwindet zusehends“, so Günther.

Zusätzliche Belastungen ergeben sich durch weitere geopolitische Spannungen, etwa im Nahen Osten. Besonders anfällig seien dabei Branchen wie Automobilbau und Bauwirtschaft, die eng mit der Chemieindustrie verflochten sind.

Forderungen an die Politik

Die Verantwortung für bessere Rahmenbedingungen sehen viele Redner bei der Bundesregierung. Ministerpräsident Schulze betonte, dass deutsche Produkte international weiterhin konkurrenzfähig seien – die politischen und wirtschaftlichen Bedingungen im Inland jedoch nicht mithalten könnten.

Ein zentrales Thema ist dabei die Energiepolitik. Hohe Energiepreise gelten als einer der größten Standortnachteile. Dirk Schröter von der Mibrag machte deutlich: „Der Weg zur Klimaneutralität darf nicht dazu führen, dass Industrie verschwindet.“ Klimaschutz und wirtschaftliche Stabilität müssten gemeinsam gedacht werden.

Impulse durch Forschung und Innovation

Neben der aktuellen Krisenlage ging es auch um Perspektiven für die Zukunft. Besonders die enge Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Industrie wurde als Chance hervorgehoben. Die Hochschule Merseburg und die Universität Halle spielen dabei eine wichtige Rolle.

Mit Projekten wie dem geplanten BioEconomyHub in Leuna sollen Innovationen schneller in die Praxis überführt werden. Das neue Gewerbegebiet Leuna III soll Unternehmen aus der Biochemie anziehen und Entwicklungsmöglichkeiten bieten.

Ein weiterer wichtiger Baustein ist das „Center for the Transformation of Chemistry“ (CTC), das sich auch in Merseburg etabliert. Geschäftsführer Peter Seeberger betonte die Bedeutung internationaler Fachkräfte, kritisierte jedoch zugleich langwierige Genehmigungsprozesse. Um im internationalen Wettbewerb bestehen zu können, müsse Deutschland schneller und flexibler werden.

Ministerpräsident Schulze sicherte Unterstützung zu und unterstrich die Bedeutung des Projekts für Sachsen-Anhalt: Ziel sei es, hochqualifizierte Fachkräfte gezielt in die Region zu holen.

Ausblick

Die chemische Industrie im Saalekreis steht vor großen Herausforderungen, bringt jedoch auch gute Voraussetzungen für eine erfolgreiche Transformation mit. Entscheidend wird sein, ob es gelingt, die politischen Rahmenbedingungen anzupassen und Innovationen gezielt zu fördern. Nur so kann die Region ihre industrielle Stärke langfristig sichern.

Falk Morgenstern

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