Ich gehöre noch zu jener Generation, die ohne PC und Smartphone aufgewachsen ist. Meine Abschlussarbeit in der Berufsausbildung habe ich mit drei Durchschlägen auf einer Schreibmaschine getippt, und mein erstes Mobiltelefon war so groß wie ein Schuhkarton und so schwer wie ein dicker Stapel Bücher. Dennoch war ich fasziniert, als während meines Studiums die »Neuen Medien« Einzug hielten, ungeahnte neue Möglichkeiten eröffneten und meinen ganzen Berufsstand veränderten.
Seither sind über 30 Jahre vergangen. Das Digitale ist nicht mehr wegzudenken aus unserer Welt und es prägt und verändert sie weiter – nicht immer zum Guten. Vor allem bei Kindern und Jugendlichen werden Konzentrationsschwierigkeiten durch übermäßige Bildschirmzeiten attestiert und die ungeheure Vielzahl an Informationen im World-Wide-Web führt dazu, dass sich heute jeder seine individuellen Nachrichten auswählen und zu alternativen Wahrheiten zusammenstellen kann, was das Zusammenleben nicht einfacher macht.
Längst gibt es Fälle, in denen die fortschreitende Digitalisierung zu einem Zwang, erheblichem Mehraufwand und sogar Ausgrenzung führt. Wer erinnert sich nicht an die Posse, nach der das BAföG-Amt im Herbst 2021 stolz verkündete, dass Anträge zukünftig online gestellt werden können, im Anschluss aber mit der Bearbeitung nicht nachkam, weil Personal und Drucker fehlten um alle Datensätze auszudrucken? Noch gravierender sind Fälle in denen Betroffene nach erfolgter Digitalisierung ohne Smartphone, spezieller App, einem Kundenkonto oder wenigstens der Preisgabe von persönlichen Daten eine bestimmte Leistung gar nicht mehr oder nur noch eingeschränkt in Anspruch nehmen können.
Der Bielefelder Verein »Digitalcourage« spricht in solchen Fällen von »Digitalzwang«. Beispiele gibt es unzählige: Kitas oder Schulen, die Infos an die Eltern nur noch per WhatsApp verteilen, Firmen und Behörden, die sich telefonisch abschotten und nur noch per Mail oder Online-Formular erreichbar sind. Museen, Zoos oder Freibäder, für die man Tickets und Zeitfenster online buchen soll. Seit dem Jahr 2000 organisiert der Verein die BigBrother-Awards (»die Oscars für Datenkraken«) in Deutschland.
Prominente Preisträger bzw. Negativbeispiele sind Microsoft, die Deutsche Post DHL Group und die Bahn. Letztere schafft zum 9. Juni 2024 die Bahncard als physische Karte ab und bittet ihre Kunden, auf die digitale Version in ihrer App »DB Navigator« auszuweichen. Eine Anwendung, gegen die der Verein wegen erheblichen Datenschutzbedenken klagt. Das Problem mit den Karten: Wer keinen digitalen Nachweis oder wenigstens einen Ausdruck seiner Bahncard vorweisen kann, was wiederum ein aktives Kundenkonto voraussetzt, kann den Rabatt auf Bahntickets nicht mehr nutzen.
Bereits im letzten Jahr hat der Bundesverband der Verbraucherzentralen die Bahn für die Praxis kritisiert, Sparpreis-Tickets im Fernverkehr nur noch bei Angabe einer Handynummer oder E-Mail-Adresse zu verkaufen. Auch die Deutsche Post DHL steht in der Kritik, weil sie die Technik ihrer »leanen« Packstationen so umgestellt hat, dass man dort ohne Smartphone und die Nutzung der Post- bzw. DHL-App kein Paket mehr abholen ann.
Doch es gibt Menschen, die gar kein Smartphone besitzen oder wissen, wie man das Internet nutzt. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts waren 3,4 Millionen Deutsche zwischen 16 und 74 Jahren noch nie im Internet. Und laut einer repräsentativen Studie des Digitalverbands Bitkom nutzt mehr als die Hälfte der Menschen über 65 Jahren kein Smartphone. Schon jetzt fühlen sich viele Menschen abgehängt.
Mein über 70-jähriger Nachbar zum Beispiel, der bisher ganz gut ohne Handy und Internet ausgekommen ist, bekommt seit Wochen Briefe (!) von Vodafone, in denen er aufgefordert wird, seinen Erstauftrag zur Einrichtung eines Internetanschlusses online oder noch einfacher durch Scan eines QR-Codes zu bestätigen. Dabei wollte mein Nachbar gar kein Internet haben, sondern nur die Mehrkosten für einen separaten Telefonanschluss einsparen. Eine postalische Antwort ist bei Vodafone jedenfalls nicht vorgesehen. Der einzige Tipp, den eine Mitarbeiterin im Kundenservice hatte: »Sie können doch einen Nachbarn bitten, den Code zu scannen.« Ist es nur Gedankenlosigkeit, wenn durch einen solchen Digitalzwang ganze Altersgruppen ausgegrenzt werden? Kommt die Digitalisierung gar zu früh, wenn Behörden plötzlich zwei Systeme (off- und online) vorhalten müssen, um niemanden auszugrenzen?
Schreiben Sie der Leuna-Echo-Redaktion, welche Erfahrungen Sie mit der Digitalisierung gemacht haben – gern auch per Brief, wenn eine E-Mail für Sie nicht in Frage kommt!





