Dr. Reiner Haseloff am 20. August 2025 im Hof des Melanchthonhauses in Lutherstadt Wittenberg, Foto: Steffen Wilbrandt

Deutschland und Europa sind ohne Chemie undenkbar

Ausschnitt aus dem Interview mit Dr. Reiner Haseloff, 71 Jahre, Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt aus dem Leuna Echo Magazin mit dem Titel „35 Jahre Deutsche Einheit“

Herr Dr. Haseloff, ohne die Ereignisse im Herbst 89 hätten Sie nicht Ministerpräsident in Sachsen-Anhalt werden können. Wo waren Sie am 9. November 1989?

Da war ich hier in Wittenberg in der Stadthalle, wo eine Bürgerversammlung, organisiert durch unsere kirchliche Arbeitsgruppe, tagte. Wir haben immer dienstags unseren Gottesdienst und die Demo abgehalten, damit montags die Leute von hier aus nach Leipzig fahren konnten und am Dienstag die Leipziger zu uns. Wir haben auch versucht, das Thema und die Demonstrationsziele von Leipzig hierher zu bringen, damit sich das verstärkt. Und donnerstags haben wir meistens ein Fachthema diskutiert. Am 9. November war die Bildung dran. Dazu hatten wir den ersten Kreissekretär der SED und den Bürgermeister eingeladen.

Normalerweise gingen solche Diskussionsrunden schon mal bis Mitternacht. An diesem Abend haben wir uns deshalb gewundert, dass sich bereits nach neun die Reihen lichteten. Gegen 22.30 Uhr hat uns dann jemand zugeflüstert, dass wir zum Ende kommen müssten und mal gucken sollten, was da im Fernsehen läuft. Dann sind wir nach Hause und haben verstanden, warum die Leute verschwunden sind. Viele haben sich gleich ins Auto gesetzt und sind in der Nacht losgefahren in Richtung Grenze.

Dr. Reiner Haseloff mit Birgit Brockmann und Steffen Wilbrandt von der Leuna-Echo-Redaktion im Garten des Melanchthonhauses in Wittenberg, Foto: Dr. Matthias Schuppe

Haben Sie geglaubt, was Ihnen erzählt wurde?

Wir haben die Bilder ja im Fernsehen gesehen. Durch das, was parallel hier und in Leipzig und in vielen anderen Städten – Plauen war ja noch viel eher als Leipzig dabei – hochgelaufen ist, war klar, dass die Situation nicht mehr lange zu halten ist. Wir beteten nur, dass es nicht so weit kommt wie im April in China, wo auf dem Platz des himmlischen Friedens die Protestierenden von Panzern beschossen wurden.

    Sie haben aber schon gedacht, dass sich was ändern muss?

    Ich war damals im Institut für Umweltschutz tätig. Wenn wir in Leuna oder anderswo gemessen haben, waren wir froh, dass uns nichts um die Ohren
    geflogen ist. Die DDR war am Ende. Wenn sie ökonomisch anders dagestanden hätte, dann hätte sie womöglich größere Widerstandskraft, auch politisch, ideologisch entwickelt. Aber sie hatte keine Ressourcen mehr, um den Protesten etwas entgegenzusetzen.

    Für Sie und die Menschen hier hat sich vieles sehr schnell verändert. Im Grunde war aber niemand darauf vorbereitet, was passieren wird.

    Ja, sicherlich war auch im innerdeutschen Ministerium in Bonn solch ein Szenario nicht vorgesehen. Eher hat man mit evolutionären Prozessen gerechnet, vielleicht mit Föderalismusannäherung durch den ständig wachsenden Bedarf an Krediten oder Zinsleistungen, die wir als DDR bringen mussten. Hier war ja nicht mehr viel zu verkaufen. Schalck-Golodkowski hatte ja schon selbst vieles an Kunstwerken abgesammelt, um Devisen für die DDR zu beschaffen. Und es war, wie gesagt, eigentlich zu Ende, das war klar. Aber diesen Fall, dass so ein System einfach kollabiert, hat keiner für möglich gehalten. Daran merkt man, was für ein hohler Körper die DDR inzwischen geworden war.

    Aus heutiger Sicht, wenn ich in Richtung Ukraine gucke, kann ich nur sagen: »Gott sei Dank ging das alles so schnell.« Man stelle sich nur vor, der Putschversuch von Teilen der Kommunistischen Partei und der Streitkräfte 1991 in Moskau hätte geklappt. Wenn machtvolle Demonstrationen und der Präsident der russischen Teilrepublik, Boris Jelzin, das nicht gebremst hätten, wäre die Geschichte vielleicht anders verlaufen.

    Wir hatten allein in Wittenberg noch mehrere tausend russische Soldaten. Was alles hätte eskalieren können, wenn die nicht abmarschiert wären. Kohl hatte das Gespür dafür, dass man die Dynamik nutzen muss und es nur dieses ganz enge Zeitfenster gibt. Man sieht ja, wie jetzt die alte Sowjetunion versucht, wieder zu entstehen und der Außenminister mit dem CCCP-Trikot in Alaska aufläuft, weil sie eigentlich die alte Republik wiederhaben und die Völker wieder unterjochen wollen.

    Und im Rückblick? Hätten Fehler vermieden werden können, wenn wir uns mehr Zeit gelassen hätten?

    Also, wenn ich jetzt im engeren Sinn … vollständigen Beitrag lesen im Leuna Echo Magazin. Erhältlich an Chemiestandort dank der Unterstützung der GT Gerätetechnik, TotalEnergies und TVS Personalservice oder direkt über unseren Shop.

    Falk Morgenstern

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