Nora Schmidt-Kesseler, Hauptgeschäftsführerin des VCI Nordost, Foto: Annette Koroll

»Die Hütte brennt«

Wir sprachen mit Nora Schmidt-Kesseler, Hauptgeschäftsführerin des Verbandes der Chemischen Industrie e.V. Landesverband Nordost über die Zukunft der Chemie in Sachsen-Anhalt.

Frau Schmidt-Kesseler was verbinden Sie mit Sachsen-Anhalt?

Ich denke an einen Feuerlöscher. Für mich ist er ein Symbol für die schwierige wirtschaftliche Lage unserer Branche – in Sachsen-Anhalt wie in ganz Deutschland. Die Hütte brennt, und wir müssen dringend löschen. Sachsen-Anhalt ist ein starker Industriestandort, ein starker Chemiestandort. Unsere Chemieparks sind leistungsfähig, die Menschen im Land wissen um die Bedeutung der Branche. Wir erwirtschaften hier rund zwölf Milliarden Euro Umsatz, sichern 20.000 hochqualifizierte und gut bezahlte Arbeitsplätze mit einem Durchschnittsverdienst von etwa 80.000 Euro im Jahr.

An jedem Chemiearbeitsplatz hängen in Sachsen-Anhalt rechnerisch weitere Arbeitsplätze in anderen Branchen. Die Chemie ist ein zentraler Wohlstandsmotor. Doch wir erleben eine historische Ausnahmesituation. Viele Unternehmen schreiben tiefrote Zahlen. Die Produktion geht zurück, Anlagen sind nicht ausgelastet, Investitionen bleiben aus. Standorte und Anlagen werden geschlossen. Es wird schlicht kein Geld mehr verdient. Deshalb braucht es jetzt ein schnelles, entschlossenes und gemeinsames Handeln von Politik, Unternehmen, Gewerkschaften und Verbänden.

Wie wettbewerbsfähig ist die deutsche Chemieindustrie im internationalen Vergleich noch?

Wir befinden uns in einer der schwersten Krisen seit der Wiedervereinigung. Die Produktion bricht dramatisch ein, die Verunsicherung ist groß. In weiten Teilen ist die chemische Industrie nicht mehr wettbewerbsfähig. Fast jedes zweite Unternehmen schreibt Verluste. Der Abwärtstrend hält an.
Unsere Kennzahlen zeigen nur noch in eine Richtung: Umsatz rückläufig, Beschäftigung rückläufig, Produktion rückläufig, Investitionen rückläufig.

Die Anlagen sind nicht ausgelastet. Die Gründe sind klar: Im internationalen Vergleich sind die Produktionskosten in Deutschland zu hoch, insbesondere die Energiekosten. Hinzu kommen eine schwache Nachfrage aus anderen Industriezweigen, zunehmende Konkurrenz aus Asien, Handelskonflikte, Zölle und eine hohe geopolitische Unsicherheit, die Investitionen ausbremst. Wir brauchen dringend eine Kehrtwende.

Chemiestandort Leuna, Foto: AdobeStock_639930387

Welche politischen Rahmenbedingungen braucht die Industrie?

Das größte Problem sind strukturelle Standortnachteile. Dazu zählen vor allem die hohen Energiekosten und drohende Mehrbelastungen durch das europäische Emissionshandelssystem. In seiner jetzigen Form verhindert es Investitionen, bedroht energieintensive Branchen und schwächt die Wettbewerbsfähigkeit Europas. Die geplanten Verschärfungen würden allein die deutsche Chemieindustrie in diesem Jahr mit mehr als 200 Millionen Euro zusätzlich belasten.

Wir brauchen deshalb eine sofortige Senkung der Energiekosten auf ein wettbewerbsfähiges Niveau, die Verlängerung kostenloser Zertifikate und ein umfassendes Update des Emissionshandels. Gleichzeitig müssen Genehmigungsverfahren für industrielle und infrastrukturelle Projekte deutlich beschleunigt werden. Es braucht einen echten Kulturwandel bei der Geschwindigkeit. Mein Appell an die Politik lautet: Behalten Sie die internationale Wettbewerbsfähigkeit im Blick. Klimaschutz funktioniert nur, wenn Produktion nicht ins Ausland abwandert.

Kritiker sagen, Deutschland könne sich stärker auf Forschung und Dienstleistungen konzentrieren. Brauchen wir die Industrie überhaupt noch in diesem Umfang?

Dieser Vorschlag verkennt die strategische Bedeutung einer heimischen Industrie. Null Produktion in Sachsen-Anhalt bedeutet Null Wertschöpfung, Null Wohlstand, Null Arbeitsplätze – und am Ende eine Verarmung unserer Gesellschaft. Hinzu kommt die Frage der Versorgungssicherheit und Resilienz. Wir haben schmerzhaft erlebt, was Abhängigkeit von Importen bedeutet: Engpässe bei Arzneimitteln, Krebspatienten, die auf Chemotherapien warten mussten, Eltern, die im Ausland Hustensäfte für ihre Kinder besorgen mussten. Und das Problem geht weit über die Pharmaindustrie hinaus – denken Sie an Halbleiter, an Salzsäure für Kläranlagen oder an AdBlue für den Güterverkehr. Abhängigkeit ist fatal. Wenn wir unsere Sicherheitsarchitektur in Deutschland funktionsfähig halten wollen, brauchen wir eine starke heimische Chemie.

Welche Rolle spielt die Branche in der sicherheitspolitischen Zeitenwende?

Eine größere, als viele denken. Chemie ist kritische Infrastruktur. Moderne Verteidigungstechnologie besteht aus Hochleistungsmaterialien, Speziallacken, Sensorik, Treibstoffen, Batterietechnologien und Verbundwerkstoffen – all das kommt aus der chemischen Industrie. …

Das Interview ist im Leuna-Echo-Magazin 01/2026 vollständig abgedruckt. Um diesen Beitrag und weitere interessante Artikel der Ausgabe zu lesen, können Sie unser Magazin hier als Einzelheft oder Abonnement bestellen.

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