Die Bildungsakademie Leuna (BAL) hat plötzlich einen digitalen Zwilling. Digitaler Zwilling? Ja. Und das ist schnell erklärt. Lisa Hoppe, Marketing-Expertin der Bildungseinrichtung, beschreibt ihn so: „Die BAL entsteht für Außenstehende quasi nochmal, ohne dass sie selbst in der BAL sind. Digital. Letztlich handelt es sich dabei um einen virtuellen Rundgang durch unsere drei Lehrbereiche Chemie, Elektrotechnik und Metall, die mit einer Spezialkamera aufgenommen worden sind. Auf dem Weg, den man am Computer oder per VR-Brille zurücklegt, kann jeder markierte Punkte anklicken und kurze Videosequenzen anschauen. Also quasi die BAL originalgetreu nochmal.“Auf diese interaktive Weise erfahren Interessierte, was in der traditionsreichen Bildungseinrichtung gemacht wird und welche Lehrmittel und Ausrüstungen den Azubis zur Verfügung stehen. Wer war schon mal in einem richtigen Labor? Oder hat eine industrielle Metallwerkstatt von innen gesehen? Der digitale Zwilling führt jeden an Ort und Stelle und zeigt, was dort passieren kann.
Dem Azubi direkt auf die Hand geschaut
Der Sinn des Projekts, das die Bildungsakademie Leuna zusammen mit dem Zukunftszentrum Digitale Arbeit Sachsen-Anhalt in diesen Tagen erarbeitet hat, liegt auf der Hand: einen sehr authentischen Einblick zu geben in das Angebot der BAL. Wie läuft zum Beispiel die thermische Trennung von Stoffen in einer chemischen Anlage? Wie wird eine Nut gefräst? Welche Einstellungen an der Maschine nimmt der Azubi wie bei welchem Werkstoff vor? Und vieles mehr. Anschaulicher als es die Videoaufnahmen, die in dem digitalen Zwilling eingebettet sind, vormachen, geht es kaum. Denn man schaut den Azubis direkt auf die Hand.
„Wir werden das bei der Berufsorientierung nutzen, zum Beispiel auf Berufsmessen. Und wir wollen damit das Interesse für die Ausbildungsmöglichkeiten der Chemie- und chemienahen Industrie wecken und unsere Ausbildungsberufe bekannter machen“, sagt Lisa Hoppe. „Ich denke, das bringt denjenigen, die noch einen Beruf suchen, die noch unsicher sind oder sich aus Interesse umsehen, viel mehr als bloße Beschreibungen und starre Fotos.“
Die nächste Messe ist schon in Aussicht – am 13. September „Start now“ in Halle. Ob bis dahin jedoch mit dem Projekt alles schon in Sack und Tüten ist, ist noch offen. Denn schnell mal mit der Kamera drübergehuscht – das fällt aus. Was hier stattfand und künftig fortgeführt werden soll, erfordert Zeit und Geduld. Allein für die Aufnahme der beiden detailreichen Laborräume gingen fast vier Stunden ins Land. Und das trotz KI-Unterstützung. Die ermöglicht es letztlich erst, dass solch ein Projekt mit relativ kompaktem technischem Equipment über die Bühne gehen kann. Die Ausrüstung von Carolin Hillner, Leiterin des Zukunftszentrums Digitale Arbeit Sachsen-Anhalt an der Hochschule Merseburg, umfasst eine 360-Grad-Kamera und ein Tablet.
360-Grad Kamera hat alles im Blick
Aufnahmepunkte der Kamera sind allerorten markiert, allein an der überschaubaren Anlage zur thermischen Trennung sind es fast 50. Dort nimmt die KI-unterstützte 360-Grad-Kamera Punktwolkenscans auf – sowohl den Raum als auch die Gerätschaften, Werkzeuge, Laboranlagen, Maschinen. Das sind viel mehr als bloße Panoramaaufnahmen. Die Kamera ist mit Infrarotsensoren und Spezialkameras ausgestattet, die photogrammetrisch Distanzmessungen vornehmen, sodass aus den gewonnenen Daten ein exaktes 3D-Modell des Raumes entsteht.




Carolin Hillner ist begeistert, welche Möglichkeiten die Technologie bietet: „Neben unterschiedlichen Marketingmöglichkeiten ist die Technik unter anderem für die Bau- und Immobilienwirtschaft, Fabrikplanung oder Gebäudesteuerung interessant. Im sogenannten „digitalen Zwilling“ können Abstände gemessen werden, die KI kann Inventar herausrechnen, dass die Räume leer sind oder man kann die Aufnahmen in CAD-Programme oder BIM-Software implementieren.“, schwärmt sie.
Und da, wo sichtbar etwas passiert, ist Lisa Hoppe mit der Handykamera zur Stelle. Sie filmt exakt die Handgriffe, die ein Azubi vornimmt, so soll beispielsweise im Labor ein Experiment zur Neutralisierung von Säure laufen oder in der Metallhalle eine Maschine von Hand eingestellt werden. Auch Erklärungen der einzelnen Handgriffe und Abläufe werden aufgenommen. Großen Wert legt Carolin Hillner übrigens auf authentische Geräusche. Denn das bringt die Atmosphäre rüber, sagt sie, die als ehemalige Fernsehjournalistin Expertin für Videoaufnahmen ist.
Damit ist aber erst die Hälfte der Arbeit getan, die Nachbearbeitung nämlich ist unumgänglich. Anschließend wird mit Hilfe von KI ein virtueller Rundgang mit eingebunden Videosequenzen entstanden sein, der die Bilder in Größe, Entfernung, Höhe etc. nahtlos zusammenfügt, so dass der Rundgang ohne Stocken und Stolpern vonstattengehen kann. Zum Schluss werden Stimmen und Geräusche eingearbeitet. „Man hat dann den Eindruck, man geht durch den Raum, guckt hier und guckt da und beobachtet das Ausbildungsgeschehen aus Sicht des Azubis“, so Lisa Hoppe. „Die Software rechnet so toll, man sieht es als fortlaufenden Gang durch den Raum“, freut sich Dirk Franke, Netzwerk- und Systemadministrator bei der BAL.
Lisa Hoppe ist begeistert von diesem digitalen Projekt und will selbst tiefer in die Materie eindringen, um unter anderem über KI die BAL effektiver in den sozialen Medien präsentieren zu können. Einen kompetenten Partner hat sie allemal mit dem Zukunftszentrum, das unter dem Motto „Modern arbeiten in Sachsen-Anhalt“ agiert. Das nämlich gibt kleinen bis mittleren Unternehmen kostenfrei Orientierung auf dem Weg der digitalen Transformation, wie Carolin Hillner erklärt. Praxisbezug werde dabei großgeschrieben. „Wir gehen direkt in die Unternehmen, analysieren gemeinsam die konkreten Herausforderungen, entwickeln passende Lösungen und machen in kostenfreien Workshops das ganze Team fit für die Zukunft.“ Das Zukunftszentrum Digitale Arbeit Sachsen-Anhalt besteht landesweit aus fünf Projektpartnern an unterschiedlichen Standorten, einer davon an der Hochschule Merseburg. Es ist Teil eines bundesweiten Netzwerks, das von Europäischen Sozialfonds, dem Bund und dem Land gefördert wird.
Idee beim Pressefrühstück geboren
In der Metallhalle sind künftige Fachkräfte für Metalltechnik dabei, einen Doppelschieber zusammenzubauen. Dazu braucht’s viele Arbeitsschritte: Pläne lesen, bohren, Gewinde schneiden, feilen, polieren, prüfen und mehr. Es ist eine Teamleistung, jeder erledigt einen Arbeitsschritt. Genau das wird das Video im 3D-Rundgang später zeigen. „Wenn man sieht, was zu tun ist, ist das gut“, sagt einer der Ausbilder und er sagt es aus Erfahrung. „Viele, die einen Metallberuf wählen, waren noch nie in einer Werkstatt.“ Mit dem digitalen Zwilling, den BAL und Zukunftszentrum zusammen auf die Beine gestellt haben, wird sich dies ändern. Er vermittelt Arbeitsschritte und Atmosphäre am authentischen Ort – im digitalen Raum.
Entstanden übrigens ist die Idee des digitalen Zwillings für die BAL während eines Pressefrühstücks, eine regelmäßig stattfindende Zusammenkunft des Herausgebers des Leuna Echos, der Layon Werbedesign & Kommunikation GmbH und dessen Geschäftsführer Gunnar Redmer, mit Vertretern von Unternehmen des Standortes Leuna und der Hochschule Merseburg.
Christine Färber





