Schkopau/Böhlen. Der US-Chemiekonzern Dow kündigt die Schließung zweier bedeutender Produktionsstätten in Mitteldeutschland an – mit gravierenden Folgen für die gesamte Chemiebranche der Region. Wie das Unternehmen am Montag mitteilte, sollen die Anlagen in Schkopau (Saalekreis) und Böhlen (Sachsen) bis Ende 2027 abgeschaltet werden.
Betroffen sind die Chlor-Alkali- und Vinyl-Anlagen in Schkopau, die zentrale Vorprodukte für die PVC-Herstellung liefern, sowie der sogenannte Cracker in Böhlen – das Herzstück des mitteldeutschen Olefinverbundes. In diesem werden aus Rohbenzin Grundstoffe wie Ethylen und Propylen produziert, die für zahlreiche Unternehmen im Chemiedreieck essenziell sind.
550 Arbeitsplätze in Gefahr
Mit der Entscheidung sinkt die Zahl der Dow-Mitarbeitenden in Mitteldeutschland um ein Drittel – von rund 1.500 auf unter 1.000. Rund 550 Beschäftigte sind direkt betroffen. Genaue Zahlen zu den einzelnen Standorten nannte Dow nicht. Besonders am Standort Böhlen ist die Sorge groß. „Dow legt einen erheblichen Teil seiner Produktion still“, warnt Betriebsratschef Andreas Zielke lt. der MZ. Nun müsse geprüft werden, wie der Standort mit oder ohne Dow zukunftsfähig bleibe.
Ursachen: Energiepreise, CO₂-Kosten, schwache Nachfrage
Dow-Chef Jim Fitterling verweist auf strukturelle Probleme: Europa leide unter Überkapazitäten, schwachem Wachstum, steigenden Energie- und Rohstoffkosten sowie zunehmenden Importen. Auch die hohen CO₂-Kosten setzen der Branche zu. Bereits im April hatte der Konzern eine mögliche Schließung angedeutet – damals war auch ein temporärer Stillstand im Gespräch.
Auswirkungen auf gesamte Chemie-Region
Die Schließungen treffen nicht nur Dow: „Die Stilllegung schwächt den mitteldeutschen Stoffverbund erheblich“, sagt Christof Günther, Geschäftsführer von InfraLeuna gegenüber der Mitteldeutschen Zeitung. Drei Unternehmen in Leuna seien auf Ethylen aus Böhlen angewiesen – alternative Lieferwege verursachten erhebliche Mehrkosten. Auch der Chemieverband VCI Nordost warnt: Fällt der Cracker aus, geraten ganze Lieferketten ins Wanken.
Politik reagiert – Zukunft ungewiss
Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) bestätigte bereits Ende Juni die Werksschließungen. Ziel müsse es nun sein, neue Produktionskapazitäten in Schkopau aufzubauen, um die Versorgungslücken zu schließen und Importabhängigkeiten zu vermeiden.
Dow, nach der Wende einer der ersten internationalen Investoren in der Region, hatte die Werke in Schkopau, Böhlen und Leuna 1995 übernommen. Zahlreiche Ausbaupläne – darunter eine Kunststoffrecyclinganlage – wurden jedoch nie realisiert. Zwar verspricht der Konzern, die Kunden über alternative Pipelines etwa aus Stade zu versorgen. Doch klar ist: Der Rückzug markiert eine Zäsur für das Chemiedreieck – mit noch nicht absehbaren Folgen für die Industrie der Region.
Falk Morgenstern





