Isst der Mensch, um zu leben. Oder lebt er, um zu essen? Die berühmte Frage. Angeblich neigen die Leute hierzulande zur ersten Antwort: Man isst, weil’s leider nötig ist – wie atmen oder schlafen. Anderswo, in Frankreich zum Beispiel, sieht man die Sache anders: Essen sei im Lande der Gourmets und Spitzenköche nicht nur Zweck, sondern geradezu der Sinn der Sache – hört man jedenfalls.
Hochtrabend ausgedrückt: Essen ist der Sinn des Lebens. Zumindest einer davon. Und sonst? Um Fragen wie diese geht es in einem Buch, das im Mitteldeutschen Verlag erschienen ist und sich dem Problem auf ebenso poetische wie satirische Weise nähert. »Die Quintessenz des Essens« heißt es, und geschrieben hat es der Thüringer Detlef Färber. Der Illustrator und »Eulenspiegel«-Karikaturist Thomas Leibe aus Halle hat witzige Illustrationen beigesteuert. Und nicht nur das – auch ein einprägsames Buchcover, das fast schon vorwegnimmt, worum es geht. Die rätselhafte Quintessenz des Essens wäre demnach das gemeinsame Essen. Es muss ja nicht immer gleich ein Festtagsbraten sein.
Im Buch selbst geht es sofort ans Eingemachte, denn dramatisch beginnt das Leben eines jeden Essers – und zwar bereits im Mutterleib. »Im Uterus ist Ausschankschluss« heißt die erste Ballade, die die Geburt aus der Perspektive der kleinen Hauptperson erzählt. Die findet es dann auch wenig lustig, wenn plötzlich am Nabel sein »Versorgungskabel« gekappt wird. Und dramatisch geht es weiter, wenn später dem ausgewachsenen Kind schon kurz vor der Mitte seines Lebens die Vertreibung aus dem Paradies der »Vollverpflegung« droht, also der Verlust seines Stammplatzes am Küchentisch von »Hotel Mama«.
Was nun? Leben um zu essen? Geht ja dann erst mal nicht mehr. Zwar kann die schöne »Griseldis vom Schnellimbiss« zumindest bei der Frühstücksversorgung helfen, aber dann? Der Tag ist noch lang und das Leben kurz – denn: Wer frisst, kann auch gefressen werden. Das Buch ist ein poetischer Festschmaus, seine Texte lesen sich wie Tischgeschichten. Auch Sinn- und Trinksprüche fehlen nicht, und sogar ein richtiges Kochrezept ist darin zu finden – gereimt natürlich – wenn auch keins, das einen Starkoch in Verlegenheit bringen würde, denn es heißt »Dettes Bulette«. Und nicht nur der Lebensanfang, sondern auch das Ende kommt zur Sprache und hat in dem Gedicht »Omas Finale« mit Essen zu tun, genauer gesagt mit einer Essensvorbereitung. »Sie habe, wird erzählt, gerade Obst geschält«, als sie ebenso plötzlich wie gnädig dahin geht: mit geschälten Äpfeln im Schoß. »Sie wollte wohl nicht enden mit leeren Händen«, so wird vermutet.
Es sei »ein erstaunliches Buch, das Seite für Seite überrascht«, urteilt Christian Eger in der Mitteldeutschen Zeitung. Sein Autor beherrsche »die leichthändige Geste« und komme »von Morgenstern und Ringelnatz« her.
Christine Färber





