Press conference by Stéphane Séjourné, Executive Vice-President of the European Commission, on the right and Jessika Roswall, european Commissioner, on the Chemicals package, Foto: European Union, 2025, CC BY 4.0

Europas Chemie neu gedacht

Kommission legt Aktionsplan zur Stärkung der Branche vor

Brüssel, 8. Juli 2025 – Mit einem ehrgeizigen Aktionsplan bekräftigt die Europäische Kommission ihr Bekenntnis zur Zukunft der chemischen Industrie. Die vorgestellte Initiative zielt darauf ab, Europas Chemiesektor zu modernisieren, ihn widerstandsfähiger gegenüber globalen Wettbewerbsverzerrungen zu machen und Investitionen in Nachhaltigkeit und Innovation zu stimulieren. Damit sendet Brüssel ein deutliches Signal: Der Chemiesektor bleibt Rückgrat und Innovationsmotor der europäischen Wirtschaft.

Dreifache Herausforderung: Energie, Wettbewerb, Nachfrage

Die chemische Industrie steht in Europa unter Druck. Hohe Energiepreise, schwache Binnenkonjunktur und ein zunehmend ungleicher globaler Wettbewerb gefährden Produktionsstandorte und Arbeitsplätze. Der Aktionsplan der Kommission greift diese Herausforderungen auf – mit einem Mix aus industriepolitischen Maßnahmen, Regulierungsreformen und finanzieller Unterstützung.

Ein zentrales Element ist die geplante „Allianz für kritische Chemikalien“, die kritische Produktionsstätten identifizieren und deren Unterstützung koordinieren soll. Damit will Brüssel gezielt dort ansetzen, wo Schließungen drohen und Versorgungsketten unter Druck stehen. Ergänzend sollen handelspolitische Instrumente zur Abwehr unlauterer Einfuhren rascher zur Anwendung kommen. Auch die bestehende Taskforce zur Einfuhrüberwachung wird gestärkt.

Energiekosten senken, Dekarbonisierung fördern

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Energiethematik. Die Kommission will mit dem „Aktionsplan für erschwingliche Energie“ gezielt die Kostenlast für energieintensive Unternehmen senken. Neue Beihilferegeln, insbesondere für CO₂-armen Wasserstoff, sollen den Zugang zu preiswerter und klimafreundlicher Energie erleichtern. Auch die Nutzung alternativer Kohlenstoffquellen wie Biomasse, Abfall oder Kohlenstoffabscheidung wird gefördert.

Parallel dazu läuft eine öffentliche Konsultation zum chemischen Recycling – ein Schlüsselbereich für die Kreislaufwirtschaft und Ressourceneffizienz in der Branche.

Innovationskraft aktivieren: Von der Nische in den Leitmarkt

Um die Nachfrage nach sauberen, nachhaltigen Chemikalien anzuregen, setzt die Kommission auf steuerliche Anreize und gezielte Förderprogramme. Mit dem geplanten Industrie-Dekarbonisierungsgesetz soll ein einheitlicher regulatorischer Rahmen für nachhaltige Produkte geschaffen werden – ein entscheidender Schritt, um Investitionen in neue Technologien zu ermöglichen.

Auch die Bioökonomiestrategie und das Kreislaufwirtschaftsgesetz stehen in den Startlöchern. Beide sollen den Markt für biobasierte und recycelte Chemikalien stärken. Zusätzlich sind neue EU-Innovationszentren geplant, finanziert über das Forschungsprogramm Horizont Europa (2025–2027), um sicherere chemische Alternativen zu entwickeln.

Starkes Signal bei PFAS und Vereinfachung von Vorschriften

Besonders im Fokus stehen Per- und Polyfluoralkylsubstanzen (PFAS), deren Emissionen durch eine strenge, wissenschaftlich fundierte Regulierung begrenzt werden sollen. Gleichzeitig will die Kommission Spielräume für kritische Anwendungen unter strengen Auflagen offenhalten, sofern keine sicheren Alternativen verfügbar sind.

Mit der sechsten sogenannten „Vereinfachungs-Omnibus“ setzt die Kommission zudem ein starkes Zeichen zur Entbürokratisierung: Neue, klarere Regeln für Produktkennzeichnungen, vereinfachte Zulassungsverfahren und angepasste REACH-Vorgaben sollen die Industrie um jährlich mindestens 363 Mio. EUR entlasten – ein Gewinn nicht nur für Großunternehmen, sondern vor allem für KMU.

Reform der Chemikalienagentur ECHA: Neue Aufgaben, mehr Flexibilität

Die ECHA, zentrale Aufsichtsbehörde im europäischen Chemikalienrecht, soll mit einer neuen Grundverordnung gestärkt werden. Sie erhält mehr Ressourcen, flexiblere Strukturen und erweiterte Zuständigkeiten – unter anderem in den Bereichen Biozide, Abfallwirtschaft und gefährliche Stoffe. Ziel ist es, regulatorische Prozesse effizienter zu gestalten und die wachsenden Anforderungen zu bewältigen.

Industriepolitische Zeitenwende in Europa

Mit über 29.000 Unternehmen, 1,2 Millionen direkten Arbeitsplätzen und einem Output, der 96 % aller Güterproduktion in Europa beeinflusst, ist die Chemieindustrie eine tragende Säule des Binnenmarktes. Der neue Aktionsplan zeigt, dass die EU diese Bedeutung erkannt hat – und bereit ist, politische Hebel umfassend in Bewegung zu setzen.

„Chemikalien sind die Mutter aller Industrien“, sagte Stéphane Séjourné, Exekutiv-Vizepräsident der Kommission. „Mit diesem Plan sichern wir unsere Produktionsbasis, stärken die Wettbewerbsfähigkeit und fördern europäische Innovation.“

Auch Valdis Dombrovskis betonte die Vorteile für Unternehmen und Verbraucher durch vereinfachte Vorschriften: „Das Paket spart über 350 Millionen Euro jährlich – ein Beitrag zur Gesamtvision von 37,5 Milliarden Euro Einsparungen durch die Vereinfachungsagenda.“

Jessika Roswall unterstrich schließlich die Bedeutung der ökologischen Komponente: „Gesundheitsschutz, Umweltschutz und industrielle Stärke müssen Hand in Hand gehen – dieser Plan ist der Schlüssel dazu.“

Europas Chemiepolitik nimmt Fahrt auf

Mit dem heute vorgestellten Aktionsplan zieht die EU-Kommission Lehren aus den Krisenjahren – und öffnet ein neues Kapitel der Industriepolitik. Weniger Bürokratie, mehr Innovation, gezielte Förderung und faire Wettbewerbsbedingungen: Das Fundament für eine widerstandsfähige, grüne und wettbewerbsfähige Chemiebranche in Europa ist gelegt. Die Umsetzung wird nun zeigen, ob aus dem Plan ein echter Neustart für Europas „Mutterindustrie“ wird.

Falk Morgenstern

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