Für Donnerstag, 23. April 2026 hatte das Forum Rathenau zum CarbonCycleCultureClub (C4) in das Industrie- und Filmmuseum Bitterfeld-Wolfen geladen. C4 versteht sich als hybrides Diskussionsformat bei dem Podiumsgäste und Publikum Themen der industriellen Transformation besprechen und neu denken. Diesmal ging es um die Frage »Wann kommt die neue Infrastruktur für unsere Industrie?«
Als Gesprächspartner waren geladen:
- Dr. Dirk Flandrich, GASCADE Gastransport GmbH
- Dr.-Ing Fabian Neumann, Technische Universität Berlin
- Matthias Kunath, Geschäftsführer der enviaTHERM GmbH
- Jörn-Heinrich Tobaben, Geschäftsführer der Metropolregion Mitteldeutschland Management GmbH und
- Dr. Martin Chaumet, Scientific Director der beventum GmbH und Innovationsmanager bei der SPRIND, der online zugeschaltet war.
Moderiert wurde die Veranstaltung von Elena Herzel, Geschäftsführerin der EWG Anhalt-Bitterfeld mbH und Patrice Heine, Geschäftsführer der Chemiepark Bitterfeld-Wolfen GmbH, der auch dem Vorstand des Forum Rathenau angehört.
Vor der thematischen Gesprächsrunde nutzte Thies Schröder, Leiter des Forums Rathenau, die Gelegenheit das Projekt vorzustellen und Neuigkeiten zu berichten. Er verwies auf »neue Entwicklungen im Rahmen des Neuen Europäischen Bauhauses und des Netzwerks Industriekultur« und lobte sie als ganz wichtigen Meilenstein. Anschließend lenkte er die Aufmerksamkeit auf das heutige Thema und bezeichnete die Errichtung notwendiger Infrastrukturen »als herausfordernde und notwendige Aufgabe« weil der Übergang in eine postfossile Struktur »nicht einfach und glatt verläuft, sondern zu Kriegen und globalen Verwerfungen führt.«

Nach einem kurzem Video über das Forum Rathenau referierte Dirk Flandrich, von der GASCADE Gastransport GmbH zum »Status Quo« des Wasserstoffkernnetzes. Er spannte den Bogen von den historisch, gewachsenen Erdgasleitungen, den verschiedenen »Korridoren« über die das Gas ins Land kam und sagte: »Bei uns hat sich einiges geändert: Wir transportieren jetzt Erdgas von West nach Ost«. Er sprach von der Notwendigkeit die Erdgasleitungen auf Wasserstoff umzustellen, weil das »Erdgasgeschäft ja endlich ist« und stellte die Vorhaben von GASCADE und anderen Fernleitungsnetzbetreibern vor, darunter die Idee Wasserstoff nicht nur offshore durch die Nordsee zu leiten, sondern gleich dort zu produzieren. Er stellte auch die bis 2035 geplanten Trassenneubauten und Umstellungen vor und resümierte: »Unsere Strategie ist, dass wir an Land so schnell wie es geht umstellen, und so viel wie geht.« Er betonte: »Wir haben jetzt schon die 400 Kilometer von Lubmin bis Bobbau mit 1,40 m Durchmesser unter Wasserstoff, es sind nur noch keine Kunden da. Fabian Neumann von der Technischen Universität Berlin, wurde in seinem Vortrag grundsätzlicher, fragte welche Mengen Wasserstoff aus welchen Quellen nötig und machbar sind und versuchte unterschiedliche Szenarien beim Ausbau der Energieinfrastruktur mit detaillierten Zahlen zu belegen.
Anschließend diskutierten beide Referenten mit den anderen Gesprächspartnern. Matthias Kunath, berichtete von Versuchen seines Unternehmens Wasserstoff anzubieten und forderte, dass die Herstellungskosten für den Elektrolyseur fallen müssten um Wasserstoff günstiger anbieten zu können. Im Moment sei der Preisabstand zu alternativen Energien zu groß. Erst wenn mehr Wasserstoff zur Verfügung stünde, würden die Preise fallen und dann automatisch mehr Interesse wecken. Er betonte: »Wir haben das Konzept in der Schublade und würden es jederzeit wieder rausholen, wenn die Rahmenbedingungen stimmen und es für den Netzbetreiber eine gewisse Investitionssicherheit gibt.«
Die Runde war sich einig, dass das vorhandene gesellschaftliche und ökologische Interesse an der neuen Technik nicht ausreicht, um grünemWasserstoff zum Durchbruch zu verhelfen, wenn nicht auch ein ökonomisches Interesse verfolgt werden kann und Ausbau und Betrieb zu wirtschaftlichen Bedingungen erfolgen kann.
Dirk Flandrich erinnerte, dass in der Vergangenheit oft der Staat wichtige Infrastrukturen wie Energie- und Wasserwerke, Post, Bahn und Straßennetz besessen und betrieben hat, dann aber immer mehr in privatwirtschaftliche Hand gegeben und zusätzlich entflochten hat, so dass heute kaum noch übergeordnete Interessen, konzerninterne Wertschöpfungsketten und langfristige Investitionen umsetzbar sind. Wo der privatwirtschaftliche Ausbau »trotzdem« klappte, gab es klare Ertragsaussichten und Verträgen über viele Jahre. Solche langfristigen Verträge und Sicherheiten sind heute nicht mehr möglich. Auch Jörn-Heinrich Tobaben formulierte: »Persönlich bin ich der Meinung, dass monopolistische Infrastruktur immer in Staatshand gehört« und kritisierte, dass der ursprüngliche Plan, das Wasserstoffkernnetz in staatlicher Hand aufzubauen, an dem Protest der Energiewirtschaft scheiterte.
Martin Chaumet relativierte den schleppenden Netzausbau und plädierte für die Möglichkeit der dezentralen Energiegewinnung, -speicherung und -nutzung. Er sprach von »Strom dort herstellen, wo er gebraucht wird« und präsentierte die Idee eines Höhenwindrades mit bis zu 350 Metern Höhe als Bestpractice-Beispiel. Ein solches würde den Netzausbau vereinfachen, u.a. weil eine zusätzliche Ebene in existierende Windparks geschaffen werden kann. Der Vorschlag führte zwangsweise zur Diskussion über notwendige Speichermöglichkeiten. In der Runde herrschte Einigkeit, dass eine Speicherung – ganz gleich in welcher Form – nur entweder direkt beim Erzeuger oder unmittelbar beim Verbraucher sinnvoll ist.
Ein weiterer Gedanke, der diskutiert wurde, kreiste um die veränderten Standortfaktoren. Dirk Flandrich mahnte, dass heute die regenerativen Energien aus ganz anderen Standorten kämen, als jene, die einst um angestammte Energieträger herumgebaut wurden und sie in viel geringerem Umfang und dezentraler zur Verfügung stünden und folgerte: »Das heißt, wir müssen die komplette Netzstruktur im Strombereich ändern. Das ist die große Herausforderung, die alles so teuer macht … Der Knackpunkt ist: Wir kleben aus sozialen Gründen an den alten Standorten.«
Es gab noch weitere sehr interessante Aspekte, wie die Frage nach der notwendigen Resilienz der Unternehmen, deren Widergabe diesen Artikel sprengen würde. Wer möchte, kann, wie bei vorangegangenen Veranstaltungen des C4 bzw. des Forums auch, die komplette Diskussion im Internet nachhören. Wem das über zweistündige Video zu lang ist, sei auf die sehr prägnante Zusammenfassung von Patrice Heine verwiesen, der am Schluss die besprochenen Themen Revue passieren ließ und allen Gesprächspartnern und Zuhörern vor Ort und per Livestream am heimischen Bildschirm dankte.
Alles in allem eine tolle, sehr spannende Veranstaltung, die mich mit neuen Gedanken und Fragen entlässt und Lust macht auf mehr. Ein nächstes Forum des CarbonCycleCultureClub im Forum Rathenau ist bereits für den 21. Mai angekündigt. Da soll es an gleichem Ort um die Frage gehen: »Sind die 12 Prinzipien der Grünen Chemie noch aktuell?«. Die Teilnahme ist nach vorheriger Anmeldung über die Website sowohl im Wolfener Filmmuseum als auch online möglich.
Text und Fotos: Steffen Wilbrandt





