Eröffnung der Diskussion zum Thema „Sind die 12 Prinzipien der Grünen Chemie heute noch aktuell?“ durch Prof. Dr. Ralf Wehrspohn, Foto: B.Brockmann

Grüne Chemie zwischen Tradition und Transformation

Experten diskutieren beim Forum Rathenau über KI, Kreislaufwirtschaft und die Zukunft der Industrie

Die Chemieindustrie steht vor einem tiefgreifenden Wandel: Weg von fossilen Rohstoffen, hin zu klimaneutralen und zirkulären Produktionsprozessen. Wie dieser Umbau gelingen kann und ob die „12 Prinzipien der Grünen Chemie“ auch heute noch Orientierung bieten, stand im Mittelpunkt einer hochkarätig besetzten Veranstaltung des Forums Rathenau.

Unter dem Titel „Sind die 12 Prinzipien der Grünen Chemie heute noch aktuell?“ diskutierten Vertreter aus Wissenschaft, Forschung und Industrie über die Zukunft einer Branche im Umbruch. Zu Gast bei Prof. Dr. Ralf Wehrspohn waren Christian Harringa, Administrativer Geschäftsführer des CTC (Center for the Transformation of Chemistry), Dr. Laura König-Mattern, Gruppenleiterin „Computer-gesteuerte Bioraffinerien“ am CTC, Martin Rahmel, Direktor der Chemical Invention Factory an der TU Berlin sowie Dr. Friedrich Streffer vom Startup Labor Schwedt (Uckermark).

Die zwölf Prinzipien der Grünen Chemie wurden bereits 1998 formuliert und gelten bis heute als Leitbild nachhaltiger chemischer Prozesse. Sie fordern unter anderem die Vermeidung von Abfällen, energieeffiziente Verfahren, den Einsatz erneuerbarer Rohstoffe und recyclingfähige Produkte. Viele dieser Ansätze erscheinen heute aktueller denn je. Gleichzeitig wurde in der Diskussion deutlich, dass die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts neue Antworten verlangen.

Besonders im Fokus stand die Transformation traditioneller Industriestandorte wie Leuna, Bitterfeld-Wolfen oder Schwedt. Regionen, die über Jahrzehnte von Kohle und Erdöl geprägt wurden, müssen sich neu aufstellen. Biomasse, CO₂ und Recyclingströme gelten dabei als zentrale Rohstoffquellen der Zukunft. Nach Einschätzung der Experten wird die chemische Industrie künftig dezentraler, flexibler und stärker vernetzt arbeiten müssen. Neue regionale Wertschöpfungsketten mit Bioraffinerien, Recyclinganlagen und intelligenten Stoffverbünden könnten dabei eine Schlüsselrolle übernehmen.

Ein weiteres zentrales Thema war die Rolle künstlicher Intelligenz. Dr. Laura König-Mattern zeigte, wie KI bereits heute dabei hilft, nachhaltige Moleküle, Lösungsmittel oder Tenside gezielt zu entwickeln. Lernende Algorithmen ermöglichen es, chemische Prozesse energieeffizienter und ressourcenschonender zu gestalten. KI könne die Umsetzung der Grünen Chemie erheblich beschleunigen – ähnlich wie ein Katalysator chemische Reaktionen beschleunigt.

Diskutiert wurde zudem, warum disruptive Innovationen in der Chemie bislang vergleichsweise selten entstehen. Große industrielle Stoffverbünde seien über Jahrzehnte darauf ausgelegt worden, bestehende Systeme effizienter zu machen, nicht aber grundlegend zu verändern. Neue Technologien seien anfangs oft teurer oder schwer integrierbar. Viele Unternehmen scheuten daher das Risiko. Gleichzeitig betonten die Teilnehmer, dass echte Innovationen häufig außerhalb etablierter Strukturen entstehen – in Start-ups, Forschungseinrichtungen und interdisziplinären Teams.

Einigkeit herrschte darüber, dass die zwölf Prinzipien der Grünen Chemie weiterhin ein wichtiges Fundament bilden. Gleichzeitig müsse die Debatte heute um Themen wie Klimaneutralität, Kreislaufwirtschaft, Digitalisierung, künstliche Intelligenz und gesellschaftliche Akzeptanz erweitert werden. Denn moderne Chemie müsse nicht nur weniger schädlich produzieren, sondern aktiv zur Lösung globaler Herausforderungen beitragen.

Oder, wie es ein Teilnehmer der Veranstaltung formulierte: „Die Zukunft entsteht nicht dadurch, dass wir bestehende Systeme perfektionieren. Sie entsteht dort, wo Menschen bereit sind, Unsicherheit auszuhalten und Neues zu wagen.“

Gunnar Redmer

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