Ein Interview mit Silvio Lämmerhirt, Fachbereichsleiter Bau und Stadtentwicklung bei der Stadt Leuna
Herr Lämmerhirt, was unternimmt die Stadt Leuna in Sachen Klimaschutz und Energieeffizienz?
Wir beschäftigen uns in der Stadt Leuna schon seit vielen Jahren mit dem Klimaschutz. Bereits 2014 haben wir ein Klimaschutzkonzept für das gesamte Stadtgebiet erarbeitet. Hier denke ich nicht nur an das Kernstadtgebiet, sondern von Spergau bis Horburg-Maßlau. In diesem Konzept haben wir Themen festgelegt, an denen wir gezielt arbeiten.
Haben Sie ein Beispiel für konkrete Klimaschutz-Projekte in Leuna?
Wir wollen für die Stadt Leuna ein energiepolitisches Leitbild entwickeln. Daran sollen alle Abteilungen und Ämter in unserer Stadt beteiligt werden. Dann haben wir begonnen eine Energiedatenbank für alle kommunalen Liegenschaften zu erarbeiten. Diese Datenbank speisen wir mit Daten und leiten daraus Maßnahmen ab. Konkret bedeutet das: Wenn ein Objekt beispielsweise im Vergleich mit Kennwerten zum Energiebedarf mit einem viel höheren Energieverbrauch auffällt, schauen wir uns das genau an und suchen nach Einsparpotenzialen zur Erhöhung der Energieeffizienz.
Wird das schon umgesetzt?
Ja, wir arbeiten schon sehr konkret. Wir waren beispielsweise an einem Energienetzwerk Kommune beteiligt, das die EnviaM aufgelegt hat. In diesem Netzwerk haben wir gemeinsam mit anderen Kommunen diese Energiedatenbank entwickelt und angeschafft. Wir wollen daraus ein Energie-Controllingsystem aufbauen und können mit diesen Daten auch eine CO2-Bilanz für das Stadtgebiet aufstellen. Eine solche Bilanz wurde seinerzeit im Netzwerk probeweise schon für 2019 erstellt und das wollen wir fortführen.
Gibt es noch weitere konkrete Projekte?
Wir haben vor, jährliche Klimaschutzberichte zu erstellen. Energiesparen ist immer ein Thema. Wir nehmen gerade die Wärmeplanung in den Fokus. Derzeit wird in unseren Gremien in der Stadt Leuna diskutiert, ob wir als Stadt Leuna ab 2024 eine Wärmeplanung auflegen werden. Dabei analysieren wir für jeden Ortsteil der Stadt Leuna, wie wir das gesamte Gebiet mit Wärmeenergie versorgen können. Für die Wärmeenergie sollten mindestens 65 Prozent erneuerbare Energien als Ausgangsstoff verwendet werden, möglichst mehr. Es geht also um Fern- und Nahwärme, Blockheizkraftwerke, Photovoltaik-Anlagen und mehr. Das wollen wir flächendeckend untersuchen und Lösungsmöglichkeiten erarbeiten. Wenn der Stadtrat die Planung beschließt, ist sie für alle Eigentümer verbindlich.

Was bedeutet das dann für Eigentümer?
Eigentümer müssen sich dann bei Erneuerung von Heizungs- und Wärmeanlagen an dieses Konzept halten. Natürlich stellen wir das Konzept öffentlich vor und nehmen die Verbraucher mit. Nehmen wir ein Beispiel. Ein Haus steht in der Nähe eines zentralen Blockheizkraftwerks. Dann wäre der Vorschlag: Die Stadt Leuna betreibt ein zentrales großes Blockheizkraftwerk in der Nähe. Dieses Heizkraftwerk wird mit 80 Prozent grüner Energie betrieben. Dann wird angeboten, das Haus mit grüner Energie zu versorgen. Wenn dies vom Eigentümer nicht angenommen wird, fallen für ihn wohl staatliche Förderungen für seine eigene Lösung weg, obwohl er sich privat auch an gesetzliche Vorgaben – Stichpunkt grüne Energie – halten muss. Wir haben den Anspruch, mit guten Lösungsansätzen zu überzeugen.
Welche Klimaschutz-Maßnahmen haben Sie schon umgesetzt?
Wir haben in einer Grundschule ein Blockheizkraftwerk errichtet und das mit Photovoltaik-Anlagen auf dem Dach ergänzt, so dass alle Pumpen im Kraftwerk mit grünem Strom gespeist werden. Wir haben Kindereinrichtungen mit energiesparenden LEDLeuchtmitteln ausgestattet. Wir achten bei Neubauten schon länger auf Energieeffizienz. Beispielsweise bei einer Kindertagesstätte in der Kernstadt, bei einem Feuerwehrgerätehaus in Kreypau, dem Dorfgemeinschaftshaus Spergau und dem städtischen Bauhof in Schladebach – dort sind überall schon grüne Energieträger zur Anwendung gekommen, also durch PVAnlagen unterstützte Wärmepumpen. 2020 haben wir ein Elektromobilitätskonzept für das gesamte Stadtgebiet erstellt. Danach haben wir Elektrofahrzeuge angeschafft, beispielsweise eins für den kommunalen Bauhof und für die Stadtverwaltung. Auch ein Elektrofahrrad wurde gekauft. Wir partizipieren natürlich dabei von Fördermitteln. Wir haben in Leuna immer das Ziel aus einem Euro von uns, zwei zu machen. Natürlich haben wir auch Ladeinfrastruktur durch vier Ladepunkte in der Kernstadt aufgebaut.
Gibt es schon Pläne für die Zukunft?
Wo wollen Sie hin? Wir suchen zurzeit intensiv nach einem neuen Klimaschutz-Manager für die Stadt Leuna. Die Stelle ist seit 2020 nicht besetzt und wir brauchen einen Menschen, der Klimaschutz lebt und vorantreibt. Wir wollen unsere Energiedatenbank und die CO2-Bilanz fortschreiben und verbessern. Wir wollen das Elektromobilitätskonzept weiter angehen und könnten die Stadt Leuna bzw. die Stadtverwaltung durch »Kom.EMS« von der Landesenergieagentur zertifizieren lassen. Darüber hinaus könnten wir uns auf dem Weg zur Treibhausgasneutralität vorstellen zu prüfen, den European Energy Award für die Stadt einzuführen (Qualitätsmanagementsystem und Zertifizierungsverfahren für kommunale Energieeffizienz und Klimaschutz). Wir wollen uns also energetisch und klimatechnisch verbessern und zertifizieren lassen. Ziel bleibt es, bei Neubauten im öffentlichen Bereich sparsame Wärme- und Elektrosysteme zu installieren.
Wir wollen auch Flächenentsiegelungen im Stadtgebiet vornehmen und dadurch das Kleinklima durch Temperatursenkung verbessern. Auf Asphalt- oder Betonflächen haben wir im Sommer fast 10 °C mehr als auf Grünflächen. Niederschlagswasser soll nicht in Kanäle zur Kläranlage laufen und mit energieintensiven Pumpen transportiert werden müssen. Auch das trägt zum Klimaschutz bei. Leuna ist schon ländlich geprägt, aber wir wollen die Stadt noch grüner machen. Wir streben noch mehr Stadtgrün an, das Schatten spendet und dadurch für geringere Temperaturen sorgt. Wir arbeiten also in vielen Bereichen. Klimaschutz ist keine rentierliche, in Euro auszudrückende Größe. Wie viel darf denn Klimaschutz kosten? Wir verstehen unsere Maßnahmen als Investitionen in die Zukunft unserer Kinder und unserer Enkel.
Herzlichen Dank, Herr Lämmerhirt!
Andrea Weingart





