Konferenz der Regierungschefinnen und Regierungschefs der Länder am 5. Juni 2025 in Berlin, Foto: Staatskanzlei LSA

Länder stärken Chemie-Standort Deutschland

Auf Initiative von Ministerpräsident Reiner Haseloff bekennen sich die Länderchefinnen und -chefs auf der Ministerpräsidentenkonferenz in Berlin klar zum Erhalt der Chemischen Industrie. Mit einer geplanten „Chemieagenda 2045“, weniger Bürokratie und bezahlbarer Energie sollen jetzt die Weichen für die Zukunft des Chemiestandortes Deutschland gestellt werden.

Rückgrat der deutschen Wirtschaft und Garant für Europas Versorgungssicherheit

Die Chemische Industrie ist weit mehr als nur ein bedeutender Wirtschaftszweig – sie bildet das unverzichtbare Rückgrat der deutschen Industriegesellschaft. Mit rund 500.000 direkten und über drei Millionen indirekten Arbeitsplätzen steht sie im Zentrum vieler industrieller Wertschöpfungsketten. Ob Arzneimittel, Kunststoffe, Farben, Düngemittel, Batterien oder Hightech-Komponenten – nahezu alle Produkte des täglichen Lebens und der industriellen Fertigung basieren auf chemischen Vorleistungen.

Der Erhalt eines starken Chemiestandortes in Deutschland ist daher von enormer wirtschaftlicher und strategischer Bedeutung. Er sichert nicht nur hochqualifizierte und gut bezahlte Arbeitsplätze in zahlreichen Regionen des Landes, sondern trägt maßgeblich zur regionalen und nationalen Wertschöpfung bei. Noch wichtiger: Er gewährleistet die Versorgungssicherheit für die gesamte europäische Industrie.

Gerade in Zeiten globaler Krisen, instabiler Lieferketten und geopolitischer Spannungen spielt die Chemische Industrie eine Schlüsselrolle für die strategische Unabhängigkeit Europas. Ohne eine leistungsfähige und wettbewerbsfähige Chemiebranche geraten zentrale Industriezweige wie der Maschinenbau, die Automobilproduktion oder die Bauwirtschaft erheblich unter Druck. Umso dringlicher ist es, die Rahmenbedingungen für die Branche so zu gestalten, dass sie ihre Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit auch künftig voll entfalten kann – zum Nutzen der gesamten Volkswirtschaft.

Transformation unter Druck: Zwischen Klimazielen und Wettbewerbsfähigkeit

Die Chemische Industrie steht an der Schwelle einer tiefgreifenden Umgestaltung. Ziel ist die Klimaneutralität bis 2045 – ein ehrgeiziges Vorhaben, das gewaltige Investitionen in neue Technologien erfordert. Im Zentrum stehen dabei der Ausbau der Kreislaufwirtschaft, innovative Recyclingverfahren, die Abscheidung und Nutzung von CO₂ sowie der flächendeckende Einsatz von Wasserstoff als alternativer Energieträger. Mit der geplanten „Chemieagenda 2045“ wollen Bund und Länder nun den nötigen Rahmen schaffen, um den Unternehmen langfristige Planungssicherheit und verlässliche Investitionsbedingungen zu bieten.

Doch diese Transformation erfolgt unter enormem Druck. Hohe Energiepreise und eine immer komplexere regulatorische Landschaft gefährden die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Branche. Der Rückbau von Bürokratie, eine praxisnahe 1:1-Umsetzung von EU-Richtlinien sowie vor allem die Sicherstellung dauerhaft wettbewerbsfähiger Strom- und Gaspreise sind daher Kernforderungen der Ministerpräsidentenkonferenz (MPK) und der Industrie. Ohne spürbare Entlastungen droht der Abwanderungseffekt in Länder mit günstigeren Standortbedingungen.

Ministerpräsident Dr. Reiner Haseloff, der sich seit langem für konkrete Hilfen für die Chemische Industrie einsetzt, zeigte sich nach dem MPK-Beschluss in Berlin zufrieden: „Die heutigen Beschlüsse sind ein wichtiger Erfolg. Jetzt kommt es darauf an, die vereinbarten Maßnahmen gemeinsam mit dem Bund schnell und entschlossen umzusetzen.“

Nur wenn diese zentralen Herausforderungen entschärft werden, kann es gelingen, die Transformation der Chemischen Industrie nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch nachhaltig zu gestalten – und damit einen tragenden Pfeiler der deutschen Industrie zukunftsfähig zu machen.

Rohstoffe und Fachkräfte: Engpässe bedrohen Zukunftsfähigkeit der Branche

Neben den technologischen und wirtschaftlichen Herausforderungen steht die Chemische Industrie vor zwei strukturellen Engpässen, die ihre Zukunft maßgeblich beeinflussen werden: der Sicherung der Rohstoffversorgung und dem zunehmenden Fachkräftemangel.

Gerade die Versorgung mit Rohstoffen gewinnt angesichts fragiler globaler Lieferketten, geopolitischer Unsicherheiten und der notwendigen Transformation zu einer nachhaltigen Produktion enorm an Bedeutung. Eine diversifizierte und nachhaltige Rohstoffstrategie ist daher unverzichtbar. Hierbei spielen moderne Recyclingverfahren – insbesondere das chemische Recycling als Ergänzung zu mechanischen Verfahren – eine Schlüsselrolle, um die Abhängigkeit von Primärrohstoffen zu reduzieren und den ökologischen Fußabdruck der Industrie deutlich zu senken. Ein aktuelles Beispiel dafür ist das entstehende Zentrum für innovative Phosphor-Rückgewinnung in Schkopau. Die Länder fordern deshalb von der Bundesregierung, sich auf europäischer Ebene für die Anerkennung und Förderung dieser Technologien einzusetzen.

Noch drängender ist jedoch das Fachkräfteproblem. Mit dem technologischen Wandel in Richtung Klimaneutralität steigt der Bedarf an hochqualifizierten Spezialistinnen und Spezialisten in den MINT-Berufen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) dramatisch. Gleichzeitig sinkt die Zahl junger Menschen, die entsprechende Ausbildungen oder Studiengänge beginnen. Hinzu kommen die demografischen Effekte des Fachkräfteschwunds durch Verrentung der geburtenstarken Jahrgänge.

Ein weiteres Alarmzeichen setzt dabei der Ausbildungsstopp bei DOW in Leuna, wie ihn das „Leuna Echo“ jüngst berichtete. Ein solcher Schritt zeigt, wie stark wirtschaftlicher Druck und fehlende Planungssicherheit selbst in traditionsreichen Industriestandorten durchschlagen. Die Konsequenzen sind langfristig fatal: Jede nicht ausgebildete Fachkraft fehlt in den kommenden Jahren schmerzhaft – und untergräbt die Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit der Branche.

Um gegenzusteuern, braucht es neben einer Stärkung der MINT-Bildung entlang der gesamten Bildungskette auch pragmatische und unbürokratische Lösungen für die Zuwanderung qualifizierter Arbeitskräfte. Schnelle und transparente Anerkennungsverfahren für ausländische Abschlüsse sind ebenso nötig wie gezielte Programme zur Integration internationaler Fachkräfte.

Ein überfälliger Weckruf für die Chemische Industrie

Der Beschluss der Ministerpräsidentenkonferenz kommt zur rechten Zeit – und er ist ein überfälliger Weckruf. In einer Phase, in der die Chemische Industrie unter massivem Druck steht, senden die Länderchefinnen und -chefs ein starkes politisches Signal: Die Branche ist systemrelevant und verdient volle Unterstützung.

Die geplante „Chemieagenda 2045“, der geforderte Bürokratieabbau und die Entlastung bei den Energiepreisen sind keine Detailfragen, sondern zentrale Bausteine für die Wettbewerbsfähigkeit und Zukunft dieser Schlüsselindustrie. Damit steht auch ein Stück industrieller Souveränität Europas auf dem Spiel.

Jetzt ist der Bund gefordert, gemeinsam mit den Ländern und der Wirtschaft aus diesem Beschluss konkrete und schnell wirksame Maßnahmen zu entwickeln. Denn ohne eine starke Chemische Industrie wird die deutsche Energiewende und die industrielle Transformation kaum gelingen.

Falk Morgenstern

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