Chemieindustrie zwischen massivem Druck und neuen Wachstumsperspektiven
Leuna 12. Februar 2026 – Die Chemieindustrie in Deutschland steht unter enormem Druck – und zugleich vor einem tiefgreifenden Wandel. Wie beides zusammenwirkt, zeigte der Besuch von Gitta Connemann, Parlamentarische Staatssekretärin bei der Bundesministerin für Wirtschaft und Energie und Mittelstandsbeauftragte der Bundesregierung, am Chemiestandort Leuna in Sachsen-Anhalt.
Im Rahmen ihrer Mittelstandsreise informierte sich Connemann gemeinsam mit Sachsen-Anhalts Ministerpräsidenten Sven Schulze vor Ort über die aktuelle Lage. Empfangen wurde die Delegation von Dr. Christof Günther, Geschäftsführer der InfraLeuna GmbH, sowie Vertretern der Unternehmen LEUNA-Harze, intelligent fluids und dem Biotech-Startup MicroHarvest. Neben intensiven Gesprächen stand auch eine Rundfahrt über das traditionsreiche Werksgelände auf dem Programm.
Chemieindustrie in der Krise
In den Gesprächen wurde deutlich: Die Branche befindet sich bundesweit in einer der schwierigsten Phasen seit Jahrzehnten. Hohe Energie- und insbesondere Erdgaspreise, zunehmende bürokratische Belastungen sowie internationale Wettbewerbsverzerrungen setzen den Unternehmen massiv zu. Viele Anlagen sind derzeit nicht ausgelastet, Investitionen werden verschoben, Produktionsmengen reduziert.
Besonders einschneidend war zuletzt die Insolvenz von DOMO Chemicals, die den Standort Leuna unmittelbar traf. Für InfraLeuna-Geschäftsführer Dr. Christof Günther ist das ein deutliches Warnsignal: „Die Chemieindustrie befindet sich in einer der schwierigsten Phasen der letzten Jahrzehnte. Auch hier in Leuna spüren wir das deutlich. Die Insolvenz von DOMO hat schmerzlich gezeigt, wie fragil die Lage inzwischen ist. Um industrielle Wertschöpfung und Arbeitsplätze in Deutschland zu sichern, brauchen wir dringend weitere und wirksame Maßnahmen seitens der Bundesregierung.“
Wachstum durch neue Investitionen – Druck im Bestand
Die Situation in Leuna ist jedoch nicht eindimensional. Während etablierte Unternehmen unter schwacher Nachfrage und hohen Kosten leiden, gehen gleichzeitig mehrere Großprojekte in Betrieb. Mit UPM Biochemicals, TOPAS Advanced Polymers und dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt beginnen Investitionen der vergangenen Jahre nun Wirkung zu entfalten. Sie sorgen für neue Impulse und stärken die technologische Vielfalt des Standorts.
Leuna zeigt damit beispielhaft die ambivalente Lage der deutschen Chemieindustrie: Der Bestand kämpft ums Überleben – neue Technologien und Investitionen eröffnen zugleich Perspektiven für die Zukunft.
MicroHarvest setzt Zukunftssignal
Ein zentrales Zeichen für diese Zukunftsperspektiven ist die geplante Ansiedlung des Biotech-Unternehmens MicroHarvest. Im Rahmen des Besuchs übergab Staatssekretärin Connemann einen Förderbescheid über 5,5 Millionen Euro aus der Bundesförderung für Energie- und Ressourceneffizienz in der Wirtschaft.
MicroHarvest plant den Aufbau einer industriellen Produktionsanlage zur nachhaltigen Proteinherstellung mit einer Jahreskapazität von rund 15.000 Tonnen. Das Investitionsvolumen liegt im mittleren zweistelligen Millionenbereich. Produktionsstart soll in etwa zwei Jahren sein, rund 25 neue Arbeitsplätze sollen entstehen.

Dr. Günther bewertet die Neuansiedlung als starkes Signal: „Gerade in dieser herausfordernden Phase ist die Ansiedlung von MicroHarvest ein starkes Signal für den Chemiestandort und die gesamte Region. Die Verbindung von etablierter Chemieindustrie mit innovativen biotechnologischen Ansätzen ist ein entscheidender Baustein für die langfristige Perspektive hier in Leuna.“
Auch MicroHarvest sieht in Leuna optimale Bedingungen. Co-Founder und COO Jonathan Roberz betont: „Wir bauen kein Pilotprojekt, sondern Produktionsinfrastruktur für relevante Mengen. Leuna bietet mit bestehender Industrie, verlässlichen Utilities und einem regionalen Agrar- und Verarbeitungsnetzwerk genau das richtige Umfeld.“
Forderung nach besseren Rahmenbedingungen
Ministerpräsident Sven Schulze hob die strategische Bedeutung des Standorts hervor: „Die Ansiedlung von MicroHarvest zeigt, dass Sachsen-Anhalt und speziell der Chemiepark Leuna weiterhin attraktiv für Investoren sind. Hier finden wir traditionelle Chemie und junge Start-ups mit neuen Ideen. Damit beide eine gute Zukunft haben, müssen die Rahmenbedingungen stimmen – vor allem bei Energiekosten und Bürokratie.“
Auch Gitta Connemann unterstrich die Rolle gezielter Förderinstrumente für Transformation und Mittelstand: „Mit dieser Förderung setzen wir ein klares Zeichen: Wir investieren in neue Technologien, in den Mut von Gründerinnen und Gründern und gezielt in Energie- und Ressourceneffizienz. Diese entscheiden über Wettbewerbsfähigkeit – gerade unserer Industrie. 5,5 Millionen Euro sind mehr als Geld. Sie sind ein klares Bekenntnis des Bundes zum Standort Leuna.“
Leuna als Spiegelbild der Branche
Der Besuch machte deutlich: Leuna steht exemplarisch für die aktuelle Lage der deutschen Chemieindustrie – zwischen strukturellem Kostendruck und innovativen Zukunftsprojekten. Mit über 100 Unternehmen und rund 15.000 Arbeitsplätzen ist der Standort ein industrieller Eckpfeiler Ostdeutschlands.
Ob er diese Rolle langfristig sichern kann, hängt maßgeblich davon ab, ob es gelingt, bestehende Strukturen zu stabilisieren und gleichzeitig neue Investitionen weiter zu ermöglichen. Die politischen Weichenstellungen der kommenden Monate dürften dafür entscheidend sein.
Falk Morgenstern





