Zwischen Zuversicht und Zweifel – Ein Land im Spannungsfeld gesellschaftlicher Erwartungen
Der am 09. Dezember veröffentlichte Sachsen-Anhalt-Monitor 2025 zeigt ein ambivalentes Bild der Stimmungslage im Bundesland. Einerseits herrschen hohe Lebenszufriedenheit und starke Verbundenheit mit der Heimat, andererseits nehmen politische Unsicherheit und gesellschaftliche Verunsicherung weiter zu. Die Studie erscheint in einer Zeit globaler Umbrüche – und spiegelt diese komplexe Lage deutlich wider.
Hohe Lebenszufriedenheit und wachsende Verbundenheit
Mit 90 Prozent geben nahezu alle Befragten an, zufrieden oder sehr zufrieden mit ihrem Leben in Sachsen-Anhalt zu sein. Auch die Bindung an Wohnort, Region und Europa hat nach Jahren der Schwankung wieder deutlich zugelegt.
Ministerpräsident Dr. Reiner Haseloff betont angesichts dieser Ergebnisse die starke Basis des gesellschaftlichen Zusammenhalts:
„Die große Mehrheit der Menschen lebt gern in Sachsen-Anhalt, von Heimatliebe geprägt – und schaut zugleich vertrauensvoll, aber auch mit Sorge auf die Zukunft. Entscheidend wird sein, wie gut es gelingt, den Strukturwandel zu gestalten und wirtschaftliche Dynamik zu sichern.“
Die langfristige Entwicklung zeigt: Die Verbundenheit mit dem Land gehört zu den stabilsten identitätsstiftenden Faktoren in Sachsen-Anhalt.
Eigener Optimismus – Skepsis gegenüber der Landesentwicklung
Auffällig ist der Unterschied zwischen der Beurteilung der persönlichen Lage und der Einschätzung der allgemeinen Entwicklung. 60 Prozent sind optimistisch, was ihre eigene Zukunft betrifft – doch nur 17 Prozent sehen die Zukunft des Landes positiv.
Wissenschaftsminister Prof. Dr. Armin Willingmann interpretiert die Ergebnisse als Auftrag an verantwortungsvolle Politik:
„Die Menschen wollen eine Regierung, die seriös handelt und pragmatische Lösungen liefert. Sie lassen sich weder von Klimaleugnern täuschen noch wünschen sie einen gesellschaftlichen Rollback. Das Vertrauen in die Regierung ermutigt uns, konsequent weiterzuarbeiten.“
Gleichzeitig empfinden 62 Prozent eine strukturelle Benachteiligung ostdeutscher Lebensläufe – ein Befund, der die politische Debatte weiterhin prägt.
Bereitschaft zur Transformation – wachsende Verunsicherung
Die Sachsen-Anhalterinnen und Sachsen-Anhalter zeigen hohe Bereitschaft zur Veränderung: 70 Prozent unterstützen eine sozial-ökologische Transformation inklusive Anpassungen des eigenen Lebensstils.
Doch die Verunsicherung wächst zugleich: 44 Prozent fühlen sich von globalen Entwicklungen überfordert, und 83 Prozent befürchten, künftig nicht mehr in Frieden leben zu können.
Infrastrukturministerin Dr. Lydia Hüskens ordnet diese Entwicklung ein:
„Individuelle Zufriedenheit trifft auf gesellschaftliche Verunsicherung. Um demokratische Resilienz zu stärken, müssen politische Kommunikation, soziale Teilhabe und Vertrauen in Institutionen ausgebaut werden – vor allem durch das Lösen konkreter Probleme vor Ort, wie Infrastruktur, Unterrichtsversorgung und Entlastung der Unternehmen.“
Demokratie als Leitbild – aber politische Kultur unter Druck
Die Demokratie findet weiterhin breite Unterstützung. Doch die Zufriedenheit mit ihrem Funktionieren ist nur moderat. Misstrauen speist sich vor allem aus wirtschaftlichen Unsicherheiten und Zweifeln an politischer Effektivität.
- 43,5 % gelten als gefestigte Demokraten
- 54 % als fragile Demokraten
- 3 % zeigen autokratische Tendenzen
Das Vertrauen in Institutionen variiert deutlich: Polizei, Wissenschaft und Gerichte genießen hohes Vertrauen, während Bundesregierung, Parteien und Kirchen auf geringe Zustimmung stoßen.
Engagement als wichtiger Stabilisator
Obwohl derzeit nur 12 Prozent aktiv ehrenamtlich tätig sind, zeigen 72 Prozent eine grundsätzliche Bereitschaft dazu. Die Studie bestätigt: Ehrenamt stärkt soziales Vertrauen und fördert demokratische Orientierung – ein wichtiger Faktor in einem gesellschaftlich angespannten Umfeld.
Vorurteile und rechtsextreme Einstellungen weiterhin verbreitet
Zwar bleiben gefestigte rechtsextreme Weltbilder mit unter 10 Prozent klar in der Minderheit, doch gruppenbezogene Vorurteile sind weit verbreitet:
- 52 % halten den Islam für rückständig
- 81 % glauben, Langzeitarbeitslose nutzten das System aus
- 52 % befürworten eine restriktivere Asylpolitik
Die Studie identifiziert autoritäre Orientierungen und Verschwörungsmentalität als zentrale Treiber. Gleichzeitig wirken persönliche Kontakte zu Zugewanderten deutlich vorurteilsreduzierend.
Antisemitismus in verschiedenen Formen präsent
Erstmals untersucht der Monitor mehrere Dimensionen von Antisemitismus – von tradierten Stereotypen bis zu israelbezogenen und postkolonialen Varianten.
Während traditionelle antisemitische Aussagen mehrheitlich abgelehnt werden, bleiben sie bei 20–25 Prozent bestehen. Neuere Formen des Antisemitismus sind teils weit verbreitet und treten verstärkt an politischen Rändern auf. Bildung wirkt hier klar schützend.
Wirtschaftliche Erwartungen: Herausforderungen klar erkannt
Die Menschen nehmen ihre eigene wirtschaftliche Situation überwiegend positiv wahr, sehen aber deutliche Herausforderungen für die Zukunft.
Wirtschaftsminister Sven Schulze betont die Bedeutung politischer Handlungsfähigkeit:
„Die Menschen erkennen die wirtschaftlichen Herausforderungen klar. Deshalb müssen wir vor allem den Mittelstand mit klugen politischen Entscheidungen unterstützen.“
Ein Land mit starken Wurzeln und spürbaren Spannungen
Der Sachsen-Anhalt-Monitor 2025 offenbart ein Land, das sich zwischen stabilen demokratischen Grundhaltungen und wachsender Verunsicherung bewegt. Doch er zeigt ebenso hohe Potenziale: starke Verbundenheit, hohe Lebenszufriedenheit, Engagementbereitschaft und fundamentale Zustimmung zu demokratischen Werten.
Die Stimmen aus der Landesregierung machen deutlich: Politik sieht sich gefordert, Vertrauen zu stärken, Wandel zu gestalten und konkrete Probleme konsequent anzugehen
Falk Morgenstern





