Galeristin Alexandra Schmückingin der cCe-Galerie in Leuna, Foto: L. Teschner

Sehnsucht zwischen Himmel, Meer und Förde

Arbeiten der Künstlerkolonie Heikendorf in der Galerie im cCe Kulturhaus Leuna

Das Ganze ist eine unendliche Geschichte von Sehnsucht. Die neue Ausstellung in der Galerie, die am 11. Juni eröffnet wird, widmet sich diesem großen Gefühl in allen Schattierungen, künstlerischen Stilen und aus allen Blickwinkeln.

Die Arbeiten, die von Malern, Grafikern und Bildhauern der Künstlerkolonie Heikendorf an der Kieler Förde stammen, sind hier unter dem Titel „Zwischen Himmel und Förde“ vereint. Insgesamt werden dem Galeriebesucher 55 künstlerische Werke aus der Sammlung des Künstlermuseums geboten, das im einstigen Wohnhaus des Kolonie-Gründers Heinrich Blunck vor 26 Jahren etabliert wurde. Es sind Arbeiten, von denen sich der Betrachter faszinieren lassen wird, denn das Sehnsuchtsziel der Frauen und Männer, die Suche nach Ruhe, innerer Balance, nach Natur und Natürlichkeit, teilt sich dem Betrachter ganz unmittelbar mit. Wer sich drauf einlässt, könnte sogar das Meer rauschen oder das Schilfrohr im Wind rascheln hören. Wer weiß…

Farbenfrohe Malerei

Zu sehen ist vor allem Malerei. Aber auch Grafiken, Holzschnitte und Bronzefiguren aus der Zeit zwischen 1890 und 1970 laden ein, die kreative Vielfalt der Kolonie zu entdecken. „Auch kunsthistorisch“, sagt Galeristin Alexandra Schmücking, „lässt sich dieser besondere Ort im Norden Deutschlands neu entdecken.“ Über Jahre schlummerte er vor sich hin – künstlerisch gesehen. Während andere Künstlerkolonien wie die in Worpswede oder Ahrenshoop, auf Hiddensee oder Usedom, im bayrischen Murnau oder Dachau immer wieder im Gespräch sind, war es bis zur Gründung des Museums ruhig um die Künstler von Heikendorf.

Doch wie kam es zur Präsentation dieser Werke in Leuna: Einen wichtigen Impuls bildete die von der cCe Galerie 2023 konzipierte Ausstellung „Usedom im Spiegel der Malerei und Grafik“, welche künstlerische Positionen von der Insel Usedom, die im Umfeld von Otto Niemeyer-Holstein entstanden sind, präsentierte. Anschließend ging die komplette Kunstschau der Usedomer, die in Leuna viel Anklang fand, wieder in den Norden. Ziel: Kieler Förde, Heikendorf „Im Gespräch mit der dortigen Museumsleiterin wurde ich auf die Heikendorfer Kolonie aufmerksam“, erklärt Alexandra Schmücking „Ich habe mir die Bilder mit Begeisterung angeschaut. Und die hat sich bis heute nicht gelegt.“

Farben und Motive, sagt sie, seien ein Fest fürs Auge. Und für ein frohes Sommerfeeling. „Es sind sehr sehenswerte Arbeiten.“ Inzwischen hat sich das offensichtlich auch bei anderen Museen und kulturellen Einrichtungen herumgesprochen. Denn bevor die Schau nach Leuna kommt, wurde sie im Kölner Raum gezeigt. Und wenn sie am 24. Juli in der hiesigen Galerie endet, geht sie weiter nach Brandenburg.

Von brandenden Wellen bis zu grasenden Pferden

Der Bogen der Motive spannt sich vom ruhigen oder brandenden Meer über Strand- und Waldlandschaften, über Ortsansichten, grasende Pferde bis hin zu Porträts. Ebenso vielfältig sind die künstlerischen Techniken, mit denen die Eindrücke für immer auf Leinwand und Papier oder in Holz und Metall festgehalten worden sind.

Die Freilichtmalerei erblühte. Licht, Atmosphäre und Landschaft im Zusammenspiel ließen eine eigenständige künstlerische Position reifen. Die Landschaftsmalerei wurde so neu gedacht und gesehen. Als typische Beispiele, die selbstverständlich stilistische Unterschiede aufweisen, seien hier genannt: „Winter im Neuland vor Orland“ (Heinrich Blunck), „Am Strand“ (Rudolf Behrend), „Alter Steg in Möltenorter Hafen“ (Georg Burmester) oder auch „Mein Garten“ (Jeane Flieser). Bilder wie „Auskleiden“ (Georg Burmester), „Sumo-Ringer“ (Karin Hertz), wie „Grasendes Pferd mit Reiter“ (Rudolf Behrend), „Sentimentales Blatt“ (Jean Flieser) und viele mehr lassen den Betrachter innehalten und nachdenken, sich selbst ein Bild machend.

Lehrreicher Katalog zur Ausstellung

Ein wunderschöner Katalog übrigens begleitet die Ausstellung und gibt umfassend Auskunft über Anliegen und Entwicklung der Kolonie. Der erste Künstler, der sich am Ostufer der Kieler Förder ernsthaft niederließ, war der Maler Heinrich Blunck, der 1923 hier ein Haus mit großem Garten, ein für heutige Verhältnisse „typisches Künstlerhaus“, erwarb. Er war übrigens Schüler eines Heikendorfer Malers. Peu à peu folgten ihm nun Kollegen und richteten sich Ateliers ein, um im Zusammenleben mit den Dorfbewohnern auf dem Lande und in der Auseinandersetzung mit der Natur wichtige Impulse für neue künstlerische Ausdrucksformen zu entwickeln. Die frühesten Heikendorfer Werke entstanden indes bereits um die vorvergangene Jahrhundertwende.

Zur Ausbildung einer Künstlerkolonie kam es jedoch erst später mit Heinrich Blunck. Für eine Künstlerkolonie sei das sogar sehr spät, wie Kunsthistorikerin Alexandra Schmücking erklärt. „Ursprung der Kolonie-Bewegung – übrigens europaweit – ist ja der bewusste Rückzug aus dem durch schnell fortschreitende Industrialisierung geprägten Alltag in den Städten. Und das schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Die Künstler sehnten sich angesichts dessen nach Natur, Beschaulichkeit, Ursprünglichkeit und danach, frei unter freiem Himmel arbeiten zu können. Romantische Sehnsüchte nach ,unverdorbener` Idylle und einfachem Leben mögen ebenfalls Gründe für den Rückzug aufs Land gewesen sein.“, erklärt sie. „Angefangen hat diese Bewegung übrigens in Frankreich.“ Klangvolle Namen, die sich mit der Künstlerkolonie Heikendorf an der Kieler Förde verbinden, sind Werner Lange als Vertreter des Expressionismus, Georg Burmester, Rudolf Behrend, Oscar Droege und andere.

Vernissage mit Kieler Experten

Zur Vernissage am 11. Juni ab 18 Uhr in der cCe-Galerie in Leuna wird Kunsthistoriker Dr. Henning Repetzky aus Kiel in die Schau einführen und über die Künstlerkolonie sprechen. „Er ist sehr vertraut mit der Materie und hat bereits mehrere Bücher dazu verfasst“, so Galeristin Alexandra Schmücking, die einen interessanten Abend verspricht.

Christine Färber

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