Krise in der Chemie: 21. Messe Leuna-Dialog ist dennoch stark nachgefragt
Schnell, schneller – erfolgreich. So lässt sich das Prozedere der Anmeldung zur 21. Leunaer Dialog-Messe bündig zusammenfassen. Innerhalb kürzester Zeit war für die interessierten Unternehmen aus ganz Deutschland quasi Game Over. 120 Aussteller hatten einen der Plätze ergattert, viele weitere gingen aus Platzgründen leer aus. Das inzwischen 21. Treffen der Firmen aus der Dienstleistungs- und Zulieferbranche sowie von Forschungsinstituten vor allem für die chemische Industrie ist trotz oder vielleicht gerade wegen der angespannten Wirtschaftslage ein Muss für die Unternehmer gewesen.
Großes Thema in der Branche: Sicherheit
Vergangenes Jahr noch interessierte Besucher der Standortmesse, sind Dennis Cöster und Marco Kluge vom amerikanischen Unternehmen Fike dieses Jahr mit eigenem Stand vertreten. Fike, Experte in Sachen Sicherheitsarmaturen, stellt seine Prozess-Berstscheiben und Sicherheitsventile vor, die Schutz vor Explosionen bieten. „Speziell in der chemischen Industrie sind die von großem Nutzen, wird hier doch mit Chemikalien oft unter hohem Druck gearbeitet“, so Gebietsvertriebsingenieur Kluge von der Regionalvertretung Weinheim. Für ihn und seinen Kollegen ist das Treffen in Leuna eine Gelegenheit, sich neue Kunden zu erschließen, Kontakte zu knüpfen, Networking zu betreiben. In Leuna, sagt er, sei die Firma derzeit schon aktiv.
Die Krise in der Wirtschaft hat freilich auch den starken Standort Leuna eingeholt. Dr. Christof Günther, Geschäftsführer der InfraLeuna GmbH, mahnt in seiner Eröffnungsrede nicht zum ersten Mal nachdrücklich strukturelle Reformen der Energie-, Klima- und Rohstoffpolitik an, die Bundesregierung und EU „wesentlich entschlossener“ auf den Weg bringen müssten. „Es ist ohne Beispiel, was wir jetzt hier haben.“ Zugleich aber ist er überzeugt davon, dass der Chemiestandort zukunftsfähig ist. Er führt dafür unter anderem Millionen-Investitionen und große Bauprojekte an wie die Anlage von UPM, die dieses Jahr komplett in Betrieb gehen wird und die „die größte Investition der letzten Jahre in der Chemie“ ist. TOPAS Advanced Polymers, das DLR-Projekt zur Entwicklung synthetischer Kraftstoffe, die Elektrolyse-Vorhaben zur Gewinnung grünen Wasserstoffs von Linde gehören dazu wie auch die Neuansiedlung der Biotech-Anlage von MicroHarvest oder die Investitionen in die Infrastruktur der InfraLeuna selbst.
Die Rettung des größten Chemiebetriebs am Standort, DOMO, durch InfraLeuna und LEUNA-Harze ist aus seiner Sicht „ein einzigartiger Vorgang, bei dem sich alle beteiligten Partner weit über das normale Maß hinaus engagiert“ haben. Und das war quasi Spitz auf Knopf. Die Rettung hatte absolute Priorität. Und das nicht ohne Grund: Bricht ein Partner aus dem Verbund aus, in dem viele Firmen hier zusammenwirken, hat das Konsequenzen. „Der Stoffverbund ist die Basis unseres Erfolges“, so Günther. Zudem behielten durch die Übernahme 440 Mitarbeiter ihren Job.















Chemiestandort ist das Herz der Region
Wie wichtig der Industriestandort für den Landkreis und die Kommunen ist, macht unter anderem Saalekreis-Landrat Hartmut Handschak (CDU) deutlich. Während es der Staatsministerin und Ostbeauftragten der Bundesregierung, Elisabeth Kaiser (SPD), nicht gelingt, die Lage in der Wirtschaft auf den Punkt zu bringen, übernimmt das kurzerhand und couragiert der bodenständige Handschak: „Wenn man Optimismus verbreitet, muss man auch was tun.“ Worte, die er an Kaiser, die per Video zugeschaltet ist, adressiert. Eine Forderung, die die von InfraLeuna-Chef Günther unterstützt.
Optimismus in der Region – für ihn ist das ganz konkret Leuna III, denn „das ist die Zukunft der Chemie“. Trotz allem. „Ja, dieses Industriegebiet wird entstehen“, sagt er, „wir werden das Projekt zu Ende führen. Das ist mein ganz persönliches Vermächtnis.“
Engagiert seit Jahren in Leuna
Sehen und gesehen werden – das ist für Michael Klose und Özgür Oylum von der Dekra ein wesentliches Argument für ihren Weg nach Leuna. Ob TOPAS, LEUNA-Harze, Mammoet – man weiß Leistung und Erfahrung der Dekra zu schätzen. Am Chemiestandort ist das Unternehmen seit der Wende mit seinen Schwerpunkten Industriedienstleistung, Arbeitssicherheit, Anlagen- und Sicherheitstechnik aktiv „Leuna ist für uns der absolute 1A-Prioritäten-Standort“, so Klose. „Leuna ist existenziell für die Region Mitteldeutschland.“
In Sachen Sicherheit ist auch das traditionsreiche Familienunternehmen Elektrotechnische Fabrik Jacob aus Kernen bei Stuttgart unterwegs. Das Unternehmen bietet unter anderem Lösungen für den Schutz vor Explosionen, wie Produktionsleiter Steffen Hammon erklärt. Gerade die Chemie, wo viel mit Gasen gearbeitet wird, sei ein wichtiger Kunde, so Hammon. Auch in Leuna haben die Süddeutschen schon Projekte bearbeitet. Jetzt will Hammon hier neue Kunden finden und den Austausch mit anderen Firmen pflegen. „Ich hoffe auf Anfragen nach der Messe, auf neue Projekte.“
Einen Fuß in die Tür kriegen und ein Netzwerk aufbauen will Grischa Lier. Deshalb ist der Chef der Niederlassung Pegau des IBB Stahl- und Industriebau hier in Leuna. Zum ersten Mal übrigens. „Das Konzept der Messe ist gut – alles kompakt und komprimiert. Ich habe es mir voriges Jahr als Besucher angeschaut.“ Von schlüsselfertigen Hallen über Rohrbrücken bis hin zu individuellen Lösungen für Produktionsanlagen reicht die Palette. Lier hält nach neuen Kunden Ausschau, denn die wirtschaftliche Lage geht auch an diesem Unternehmen nicht spurlos vorüber, wie er sagt. „Der Hallenbau verharrt in der Warteposition. Für Unternehmer ist keine Planungssicherheit gegeben.“ Dennoch ist er optimistisch. Denn gebaut, weiß er, wird immer.
Die jahrelange Verbundenheit mit Leuna zieht die Firma Streicher Anlagenbau aus Gommern immer wieder auch zur Dialog-Messe. Für Diana Stempnewski ein idealer Ort, an dem sich Kunden, Lieferanten und Business-Partner begegnen. Die Firma, die Gasanlagen baut und Industrie- und Gasanlagenservice bietet, arbeitet aktuell an einer Energieeinspeiseanlage der InfraLeuna, die dieses Jahr in Betrieb gehen wird. „Wir wollen die Verbindungen pflegen und mit Lieferanten und neuen wie alten Kunden im Gespräch sein.“ Inzwischen hätten sich die Schwerpunkte für die Firma verschoben hin zu Themen wie regenerative Energie, Instandhaltung, Reparatur, Dienstleistung.
Actemium ist seit 20 Jahren Messe-Partner
Elektrotechnische Anlagen für Chemie-, Pharma- und Papierindustrie sind Kernkompetenz des Unternehmens Actemium, das bundesweit aufgestellt ist. Am Standort Leuna ist es derzeit in mehrere Projekte involviert. „UPM zum Beispiel oder TOPAS – das sind große, wichtige Sachen für uns“, erklärt Jessica Kahl, Verantwortliche für Ausbildung in der Firma. Sie und ihre Kollegen sind vor allem hier, weil sie mit Vertretern anderer Firmen in Kontakt kommen, weitere Kunden finden und neue Technologien und Produkte entdecken wollen.
Wenn es um elektrische Anlagen geht, kommt man an der Ritter Starkstromtechnik GmbH aus Leuna auf keinen Fall vorbei. Seit 20 Jahren sind die Experten mit ihrem Messestand vertreten. Ihre Leistung ist gefragt, ihre Firma hat einen super Ruf – freilich nicht nur hier in Leuna. „Man muss sich sehen lassen, Netzwerke pflegen, im Gespräch bleiben, Neues aufnehmen“, fasst Niederlassungsleiter Ralf Bielmeier zusammen. Mit vier großen Projekten machen die Mitarbeiter derzeit von sich reden: dem Bau zweier großer Batteriespeicheranlagen, mit einer Power-To-Heat-Anlage sowie mit der Beteiligung am Bau einer Abwärmetrasse zwischen Leuna und Leipzig und der Installation der Anlagen zur Energieeinspeisung ins Netz der Stadtwerke Leipzig.
Schauen und fachsimpeln – ist für Mitarbeiter von Innospec ein wichtiger Grund, sich bei der Messe einzufinden. Das Chemie-Unternehmen selbst ist hier nicht vertreten. Das heißt freilich nicht, dass man nicht auf Kontaktsuche und -pflege aus ist. „Man sieht so auch mal die Vertreter, mit denen man sonst nur am Telefon zu tun hat. Außerdem kriegt man hier neue Inspirationen, es gibt interessante Gespräche, Vorträge etc. Für unser Unternehmen ist es einfach wichtig, dass wir hier sind. Der Arbeitgeber hat uns eigens dafür freigestellt“, erklärt Olaf Wustrack, Vorarbeiter im Bereich Logistik bei Innospec.
Währenddessen wartet Dieter Tzschoppe, Gründer der ITP Tzschoppe GmbH in Bitterfeld, schon ungeduldig auf den Beginn eines Vortrags über die neuen Elektrolysen von Linde, die grünen Wasserstoff für Leuna liefern werden. „Ich bin als Gast hier, mich interessiert das Thema in zweierlei Hinsicht: Zum einen ist es ja überaus selten, dass Wasserstoffprojekte in Deutschland realisiert werden. Hier passiert was – soviel ich weiß, ist Linde das einzige Unternehmen in der Region, das ein Versuchsfeld für solche Elektrolyseure aufgebaut hat“, sagt er. „Und zum anderen: Unsere Firma hat ein neues System, eine Überwachungsanlage für Wasserstoffelektrolyseure, entwickelt. Das wollen wir auf den Markt bringen. Ich suche Kontakt zu Anwendern und Entwicklern. Für Linde könnte das interessant sein.“
Man kennt sich, man schätzt sich
Zu denen, die die Dialog-Messe vor 21 Jahren quasi aus der Taufe gehoben haben, gehört die Unternehmensgruppe Palme und Seifert. Das Hoch- und Tiefbauunternehmen aus Merseburg, das 80 Mitarbeiter hat, baut sowohl für Kommunen als auch für die Industrie. Im Chemiepark sind die Männer von Palme und Seifert längst alte Bekannte mit gutem Namen. Auch in den umliegenden Kommunen. Wichtige Projekte in den zurückliegenden Jahren waren laut der beiden Geschäftsführer Alexander Palme und Jörg Herrmann die Sanierung des Waldbades Leuna sowie des Freibades Nord in Halle. Auf der Liste stehen die Sanierung des Spaßbades Maja Mare in Halle, der Gebäude der Stadtwirtschaft Halle, der Bau eines Rohrleitungssystems für Rückkühlwasser für die Infra Zeitz und mehr. „Ganz einfach: Kontakte pflegen, vor allem mit den Firmen im Werk, und unsere Leistungen anbieten – das führt uns auf die Messe“, erklärt Herrmann. Kurz danach ist er im Gespräch mit Andreas Hartmann, Geschäftsführender Gesellschafter der in Merseburg ansässigen Firma JC Eckardt. Man kennt sich und man schätzt sich. Und dazu gehört auch, dass beide sich seit 20 Jahren auf der Messe begegnen.
Schwerpunkt von JC Eckardt ist die Gesamtabwicklung von Automatisierungsprojekten im Anlagenbau. Über die Auftragslage, sagt Hartmann, der auch seine zweite Firma, Hartmann JCE, auf der Messe vorstellt, nicht beklagen. Der Sitz im Chemiepark Leuna, erklärt er, ist für die Firma der größte und wichtigste Standort. Denn hier sind bedeutende Auftraggeber wie aktuell gerade InfraLeuna, Linde etc. Der Wirkungskreis der JC Eckardt erstreckt sich noch weiter – BASF in Ludwigshafen, Bayer und Heraeus in Bitterfeld, der Chemiepark Marl INEOS in Köln sind nur einige Kunden, die die Arbeit der Merseburger zu schätzen wissen.
Als alter Messepartner weiß die Firma, wie der Hase hier läuft. „Wir haben bisher nur gute Erfahrungen gemacht“, sagt Yvonne Reichold aus dem Bereich Organisation der Firma. „Ich muss aber mal sagen, die Anmeldung könnte und müsste man besser organisieren. Ich könnte mir eine örtlich zuverlässige Vergabe der Stände gut vorstellen.“
Das allerdings ist etwas, was Sören Demmer, Vertriebsleiter von Addinol, gar nicht anficht. Ihn stört etwas anderes: zu wenig Fachpublikum. „Das hätten wir uns, ehrlich gesagt, gewünscht. Trotzdem denke ich, dass wir da sind, ist nicht umsonst für uns“, sagt sein Kollege Marvin Bielz, Anwendungstechniker. Demmer und Bielz präsentieren die bekannte Leunaer Firma, die zum ersten Mal auf der Messe ist. „Es ist wichtig, dass wir uns neben anderen Fachmessen auch hier zeigen, denn wir sind ein regionaler Anbieter“, sagt er. Produkte von Addinol sind „sehr, sehr gute Schmierstoffe für alle Anwendungen“, wie Demmer erklärt. Die freilich werden immer gebraucht. Daher sei das Unternehmen unabhängig, von der aktuellen Krise in der Wirtschaft relativ wenig getroffen. Die 120 Mitarbeiter am einzigen Produktionsstandort, dem Chemiestandort Leuna, erwirtschaften mit ihren 650 Produkten, die in 120 Länder gehen, einen Jahresumsatz von 120 Millionen Euro.
Christine Färber





