Interview mit Michael Bedla, Bürgermeister von Leuna
Herr Bedla, ich danke Ihnen, dass Sie kurzfristig einem Interview im neuen Leuna-Echo zugestimmt haben.
Ich halte das schon für sehr wichtig. Das Leuna-Echo ist seit vielen Jahren die Werkzeitung am Chemiestandort, und wir müssen die Verbindung aufrecht erhalten zwischen Werk und Bevölkerung. Von unseren Bürgern arbeiten verdammt viele am Chemiestandort. Wenn ich zu den älteren Bewohnern komme, sei es im ländlichen Bereich wie auch hier in der Stadt, haben sehr, sehr viele im Werk gearbeitet.
Und wenn ich in der Gartenstadt unterwegs bin, haben alle dort gearbeitet, die dort wohnen. Das ist wahrscheinlich auch historisch bedingt – kurze Wege zum Arbeitsplatz. Jetzt werden sie älter und alt und bewohnen natürlich noch ihr Reihenhaus. Das ist aber ganz toll, weil das genau die Verbindung und die Akzeptanz zwischen Chemie und Wohnstandort herstellt. Dass das wahrscheinlich nicht überall in der Welt so harmonisch gelingt, wissen wir auch. Ich glaube, da müssen wir dran arbeiten und festhalten. Das tun auch die Chemieunternehmen, die Firmen am Standort. In Gesprächen erfahre ich das immer wieder.
Sie sind seit einem Jahr Bürgermeister von Leuna. Wie fühlen Sie sich?
Ich fühle mich nach wie vor sehr, sehr gut. Mich erfreut, dass ich als Bürgermeister innerhalb der Stadt Leuna Gestaltungsmöglichkeiten habe. Das bedeutet auch unter den anzugehenden Projekten, die wir in Zukunft für die Stadt umsetzen möchten, abzuwägen. Ein großes Projekt ist nach wie vor die Digitalisierung. Wir müssen unsere Dienstleistungen digital erbringen, wenn sie für den Bürger besser werden sollen. Das sind einfach die Zeichen der Zeit, die wir nicht verpassen dürfen. Wir sind in Leuna ganz vorne dran und wollen in diesem Jahr noch 35 Prozesse digitalisieren. Wir warten derzeit auf die Freischaltung vom Bund – das Land hat wohl die Hürden jetzt abgebaut.
Wenns hier stockt, liegt das gar nicht an Ihnen und Ihren Leuten, sondern an …?
Im Moment liegt es tatsächlich an der Bearbeitung. Der Bund hat einen Flaschenhals in der Abarbeitung, weil natürlich gerade alle Kommunen drauflosstürzen und freigeschaltet werden möchten. Wir haben eine Bund-ID bekommen und warten jetzt auf die Einrichtung. Das wird in den nächsten Wochen passieren. Davon sind wir überzeugt. Und dann werden wir starten, die analogen Prozesse in digitale Prozesse zu überführen.
Das bedeutet, dass dann eine Kfz-Zulassung oder -Ummeldung online erfolgen kann?
Kraftfahrzeuge sind Kreisangelegenheit. Kommunale Beispiele wären ein Kita-Antrag, die Ab- bzw. Ummeldung des Wohnstandorts, die Beantragung eines Passes. Das reicht bis zum digitalen Bauantragsverfahren. Bauanträge werden ein Hauptthema, das vom Land bis 2026 auf die Kommunen ausgerollt wird. Das wird nicht die erste Charge sein, die umgesetzt wird, aber auch das ist in der in Pipeline. Da gibt‘s Lösungen aus Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern, die bundesweit übernommen werden sollen. Die Digitalisierung ist ein großer Bereich. Von ihr erhoffe ich mir natürlich auch Arbeitserleichterungen für die Mitarbeiter innerhalb der Verwaltung. Wir wachsen als Stadt. Und wir nehmen neue Mitarbeiter auf, um die Arbeiten bewältigen zu können.
Da sind wir beim Stichwort Personal. Finden sie noch Mitarbeiter oder müssen sie sich welche backen?
Also, wir finden nach wie vor gutes Personal – überraschenderweise. Aber der Auswahlprozess und auch die Findung nehmen mehr Zeit in Anspruch. Das dauert erheblich länger. Ausschreibungen werden eben nicht mehr nach der ersten Runde zum Erfolg geführt, sondern mitunter erst nach der dritten oder vierten. Ein Beispiel: Ganz besonders wichtig ist unser Jugendfreizeitzent rum. Dort brauchen wir Pädagogen, also Erzieher oder Sozialpädagogen. Die Bereitschaft, dort Arbeit aufzunehmen, ist unter der Berufsgruppe wahrscheinlich nicht die allererste Wahl. Dort haben wir nach wie vor Probleme in der Besetzung. Wir haben dort auch Ausschreibungen laufen, konnten auch schon den einen oder anderen gewinnen.
Ich glaube, um mit Jugendlichen zu arbeiten und eben den richtigen Ton zu treffen, muss man eine gewisse Berufung haben. Das gebe ich zu. Das ist nicht einfach. Entsprechend haben sich die Rekrutierungsverfahren hier erheblich verlängert. Im gewerblich technischen Bereich geht es noch relativ fix. Wenn wir also Hausmeister suchen oder Mitarbeitern im Bauhof, dann haben wir noch sehr, sehr viele Bewerbungen. Aber gerade in dem qualifizierten Bereich, in den hochqualifizierten Bereichen (ein Mitarbeiter im Bauhof ist natürlich auch qualifiziert – ich möchte das nicht missverstanden wissen) aber gerade im ingenieurtechnischen Bereich wird es schon wesentlich schwieriger und auch im sozialpädagogischen
Bereich.
Aber das liegt nicht an fehlendem Nachwuchs? Der Bevölkerungsdurchschnitt in Leuna funktioniert noch?
Davon bin ich nicht ganz überzeugt. Der Bevölkerungsdurchschnitt ist einfach so, dass die Demografie von unten nach oben wächst. Die Eintritte in die Schulen, haben sich stabilisiert, aber auf einem Niveau, das deutlich geringer ist als vor 2010. Die Schulabgangszahlen sind natürlich auch wesentlich geringer. Heute gibt es viel mehr Angebote und Ausbildungsstellen als wir überhaupt Schulabgänger haben.
Und die jungen Leute ziehen in alle Welt oder können Sie sie in Leuna halten?
Das Überangebot versetzt die jungen Leute in die Lage, dass sie heute wählen können, welchen Ausbildungsberuf sie erlernen möchten oder welches Studium sie angehen möchten. Das war nicht immer der Fall. Vor zwei Jahrzehnten hat man das genommen, was man bekommen hat. Das ist schon ein wesentlicher Unterschied. Nichtsdestotrotz – das habe ich auch zur Begrüßung der neuen Azubis am Standort gesagt – ist Leistung immer noch das oberste Gebot. Ich werde von keinem Unternehmen beschäftigt, wenn ich nicht meine Leistung erbringe. Die Leistungsbereitschaft muss in allen Bereichen vorhanden sein.
Das ist heute nicht mehr ganz selbstverständlich, oder?
Wo Work-Life-Balance eingefordert wird, muss sie dem Leistungsprinzip unterliegen. Keine Firma wird jemanden beschäftigen, der sich nicht amortisiert, der sich nicht rechnet. Wir sind in der Marktwirtschaft. Das ist einfach eine Berechnungsgrundlage, und auch unsere Auszubildenden kosten natürlich zunächst Geld. Die Firmen hoffen zu recht, dass sie mit ihnen langfristig ihren Bestand an Fachkräften sicherstellen können und dass sie ihre Investitionen während der Arbeitsphase zurückbekommen. Statistiken bundesweit sagen zwar, dass nicht jeder Lehrling bei seinem Ausbildungsbetrieb verbleibt. Aber das ist nun mal so. Das wissen die Unternehmen auch.
Aber ich bin optimistisch, dass die Nachwuchsarbeit der Firmen – denen ist das ja in der Hauptsache zu verdanken. Sie rekrutieren die Auszubildenden – langfristig den Bestand des Chemiestandortes mit Fachkräften sichern kann. Das wird, wenn gut bezahlte Arbeitsplätze angeboten werden, nicht nur aus der eigenen Bevölkerung stattfinden, sondern auch durch Zuzug. Aber die Unternehmen am Standort machen da eine verdammt gute Arbeit, das kann man denen schon bescheinigen.
Zuzug kann gelingen, weil Sie noch Platz und Bauland haben und Leuna als Ort attraktiv ist?
Zuzug kann gelingen, wenn die Arbeitsplatzanzahl weiter steigt. Nicht nur in Leuna. Hier müssen wir regional denken. Nicht jeder Mitarbeiter wohnt ja auch in Leuna. Da sind wir schon sehr regional aufgestellt. Aber zu ihrer Frage: ja, wir haben auch Bauplätze in Planung. Wir wollen vor allem jungen Leuten Möglichkeiten bieten, in Leuna, in den Ortschaften von Leuna zu bauen. Aber ich denke auch hier regional. Für einen Zuzug muss eine ganze Region attraktiv sein, wie so eine regionale Marke, die dann auch Arbeitskräfte anzieht.
Ein hochqualifizierter Ingenieur oder Jurist oder Verwaltungsmensch guckt natürlich, wenn er mit seiner Familie kommen soll, was wird ihm geboten? Ja, und da haben wir hier im Umfeld eine verdammt gute Entwicklung gemacht. Wenn ich vor 30 oder 35 Jahren, vor 1990, mal daran gedacht hätte, dass die Region attraktiv sein könnte zum Wohnen und vielleicht auch für die Naherholung, dann hätte ich mir das nicht vorstellen können. Aber das haben wir mit dem Neunseenland in Leipzig, mit dem Geiseltalsee, mit vielen Angeboten auch im ländlichen Bereich – Reiterhöfe, Weingüter – was dort alles ist. Also für diesen Nahbereich, Nahtourismus, Tagestourismus, da haben wir schon ein sehr großes und gutes Angebot.
Es ist unglaublich, wie
die Region sich entwickelt hat.
Aber Sie sind schon in der Region groß geworden? Sie sind doch Merseburger und aus Ihrem Dorf nicht viel rausgekommen. Und dennoch sagen Sie, Sie hätten sich nicht vorstellen können, dass sich das alles so entwickelt? Sie haben es aber gehofft und mitgestaltet?
Ja, ich bin Merseburger und ich habe auf Entwicklung gehofft und sie mitgestaltet. Aus meinem Dörfchen bin ich auch schon mal rausgekommen. Ich habe z. B. meinen Wehrdienst drei Jahre an der Ostsee geleistet und dort natürlich auch eine andere Region und einen anderen Menschenschlag kennengelernt.
Genau zur politischen Wende war mein Wehrdienst zu Ende. Ich bin dann in die Region zurückgekehrt und habe von 1990 alle Schwierigkeiten durchlebt, die wir hier hatten vor Ort. Deswegen ist die Wertschätzung auch auf meiner Seite, wenn ich mit den Bürgern ins Gespräch komme. Für viele ist das Glas halb leer, weil sie es jeden Tag in der Presse so lesen. Für mich ist das Glas drei Viertel voll, muss ich ganz ehrlich sagen. Ich kann hier heute sehr gut leben. Natürlich habe ich auch Karriere gemacht. Das war sicher nicht jedem vergönnt.
Aber wir haben hier unfassbar viel erreicht, und es sind wirklich Landschaften entstanden, die vielleicht noch nicht 100-prozentig der Umwelt gerecht werden, aber die sich wesentlich von denen unterscheiden, die wir vor der politischen Wende hier vorgefunden haben. Wir sollten einfach mal den Blick darauf richten, was wir eigentlich geschaffen haben – mit allen Schwierigkeiten, die da sind – die will ich auch gar nicht kleinreden. Aber dennoch haben wir es geschafft, uns am Ende als Region so aufzustellen, wie wir es heute haben.
Die Entwicklung am Chemiestandort erlebe ich natürlich hautnah. Ich bin auch im engen Kontakt mit den Chemieunternehmen am Standort und den Unternehmen, die ihre Investitionen planen. Und ich bin so positiv beeindruckt von dem, was die Unternehmen sich vorgenommen haben. Da spielen große Standortfirmen eine wesentliche Rolle, die natürlich die Treiber der Transformation sind. Chemiepark heißt ja auch Stoffverbund der Unternehmen. Das muss im Gleichklang oder miteinander passieren.
Wenn einer nur alleine geht, wird das nicht funktionieren, weil dann dieser Stoffverbund nicht mehr gegeben ist. Was hier am Standort in den nächsten 20 Jahren geplant, investiert und transformiert werden soll, macht mich sehr glücklich. Ich bin hocherfreut, weil die Grundlage für ein gutes bürgerliches Leben natürlich auch ein gutbürgerliches Einkommen ist. Und
Einkommen kann ich sichern,
indem ich wettbewerbsfähige
Arbeitsplätze habe, die gut bezahlt sind.
Das bietet der Standort.
Der Standort transformiert sich im Moment von den fossilen Energieträgern, von denen er zur jetzigen Zeit immer noch abhängig ist, und von denen er in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten durch billiges Gas und Öl aus Russland partizipiert hat, hin zu grüner Energie. Im Moment noch mit ausgetauschten Lieferanten. Letzten Endes aber macht der Standort sich auf den Weg, auch bezüglich Forschung zu grüner Energie, zu Methanol für Schiffe, zu grünem Flugbenzin.
Das soll am Standort erprobt werden. Da haben die Firmen schon eine gewisse Skalierung von 10.000 Tonnen, glaube ich, erreicht. Die DLR Deutsche Luft- und Raumfahrt Gesellschaft, die jetzt gerade in eine Anlage investiert und auch die TotalEnergies, die praktisch die Transformation vorantreibt. Auch der Übergang zur Biochemie bei UBM, wo Holz zu Ethylenglycol verarbeitet wird, also Einfachzucker aus nachwachsenden Rohstoffen entsteht, ist gut für den Standort.
Das ist eine ganz spannende Zeit,
und ich bin begeistert, von dem,
was hier passiert.
Wir müssen es nur über die geopolitischen Schwierigkeiten bringen – also die hohen Energiekosten, die wir momentan in Deutschland haben. Da bin ich guter Dinge. Wir haben am Standort mit dem Geschäftsführer der InfraLeuna, Dr. Günther, auch eine hervorragende Persönlichkeit, die das erkannt hat – schon lange vor uns wahrscheinlich – und die auch an möglichen Lösungen arbeitet. Die InfraLeuna stellt letzten Endes die Energie am Standort zur Verfügung.
Ich hoffe sehr, dass wir dort zu einer größeren Auslastung im Windenergie- und auch Solarenergie-Bereich kommen. Aber das wird nicht nur der alleinige Träger sein können. Das sagt uns Dr. Günther immer wieder: Wenn keine Sonne scheint und kein Wind weht, dann brauchen wir trotzdem Energie, um die Prozesse am Laufen zu halten. Ich kann chemische Reaktionen nicht einfach unterbrechen.
Haben Sie als Bürgermeister Einfluss auf die großen Investitionen und Ansiedlungen? Mir leuchtet ein, dass es natürlich schön ist, wenn da ganz viele gemeinsam Gewerbesteuer zahlen, auch wenn die Stadt nur einen Bruchteil davon abkriegt … Aber wie weit geht die Zusammenarbeit bei solchen neuen Vorhaben?
Also, ich zolle größten Respekt der InfraLeuna und der Wirtschaftsförderung unseres Landes, die dafür gesorgt haben, gerade diese global agierenden Unternehmen anzusprechen und Leuna interessant zu machen als möglichen Produktionsstandort. Da sind wir als Kommune eher in der Repräsentation. Aber wo wir natürlich sehr unterstützen können, sind gerade die Rahmenbedingungen, die ich vorhin angesprochen habe.
Ein Unternehmen hat eine gewisse Anzahl an Fragen, bevor so eine Ansiedlung stattfindet. Wirtschaftliche Fragen spielen sicher eine essentielle Rolle. Aber auch viele andere Punkte sind wichtig: Verfügbarkeiten von Arbeitskräften am Standort, vielleicht auch die politischen Gegebenheiten vor Ort. Hat der Standort eine hohe Reputation oder wird in der lokalen Presse eher schlecht berichtet? Und da, glaube ich, können wir als Stadt für die weichen Standortfaktoren, für die Offenheit von Ansiedlungen viel beitragen.
Die Akzeptanz, die wir immer noch in Leuna haben, ist auch 35 Jahre nach der politischen Wende enorm hoch. Und ich glaube, dass das auch einen Beitrag leisten kann, dass so ein Großunternehmen dann sagt: Leuna ist unser Standort, dort gehen wir hin. Wir sorgen gemeinsam mit dem Landkreis natürlich auch dafür, dass die Genehmigungsverfahren schnell funktionieren. Das ist aber schon vor Jahren implementiert worden. Da hat im Landkreis beim Bauamt, Bauordnungsamt niemand mehr Angst, wenn eine Chemieanlage geplant wird. Die kennen das. Das ist, glaube ich, ein gut funktionierendes System.
Ist diese hohe Industrie- bzw. Chemie-Akzeptanz in der Bevölkerung eine Besonderheit von Leuna?
Ich will mal so sagen: Noch ist das einfach so, weil entweder die Eltern, die Großeltern, die Kinder alle im Werk gearbeitet haben. Die haben nach 1990 natürlich die Deindustrialisierung am Standort gesehen, und es hat denen wahrscheinlich eher Tränen in die Augen getragen, als dass sie sich gefreut haben, dass nun diese Dreckschleudern weggekommen sind. Beides hätte Berechtigung. Das ist nicht die Frage. Und sie freuen sich jetzt einfach, dass der Standort erhalten geblieben ist durch Groß- und Schlüsselinvestitionen.
Damals auch durch Kanzler Helmut Kohl, der ein wesentlicher Befürworter war und hier in Leuna dafür gesorgt hat, dass die Raffinerie-Ansiedlung gekommen ist und dass der Stoffverbund sich ausweiten konnte. Das trägt nach wie vor dazu bei, dass die hohe Akzeptanz da ist. Es ist natürlich auch von der Umweltbelastung her heute überhaupt nicht mehr vergleichbar mit dem, was es mal war. Früher hat man geguckt, von wo der Wind weht, damit man die Wäsche raushängen kann. Das ist heute nicht mehr so. Die Umweltauflagen und technischen Anforderungen an Filteranlagen sind heute durch EU-Normen geregelt, an die sich alle halten müssen.
Die Gewässer-Verschmutzung ist nicht mehr da. Heute gehen Menschen vereinzelt wieder in der Saale baden. Das sind alles Indizien dafür, dass die Umweltbelastung sehr viel geringer ist als früher. Ich will aber davor warnen, dass die Akzeptanz selbstverständlich ist. Wir erleben das im Windpark oder bei der Solarenergie. Das wird nur Akzeptanz in der Bevölkerung haben, wenn die Bevölkerung davon partizipiert. Das ist eine gute Überleitung zu meinem nächsten Wahlziel: eine Reform des Finanzausgleichsgesetzes.
Wir nehmen am Standort wahr, dass das Land immer mehr Geld abschöpft von der Gewerbesteuer, die eigentlich eine kommunale Steuer ist. Das Land Sachsen-Anhalt – wir haben das mal zurückgerechnet – hat in den letzten zehn Jahren im Durchschnitt 85 Prozent der Einnahmen über die Gewerbesteuer abgesogen. Da kann man immer noch sagen: 15 Prozent ist eine Menge Geld. Aber im Gegensatz dazu bekommen wir ja keine Zuweisung für unsere Bürger. Das muss man dagegen rechnen.
Und wir sind auch bei den Fördermitteln, die ausgereicht werden, an letzter Stelle. Viele vermuten, dass wir durch die Gewerbesteuern gut finanziert sind. Das ist mitnichten so! Wir haben in 2021 sogar ein Jahr gehabt, wo wir leider ein negatives Saldo unter der Gewerbesteuer-Abrechnung hatten. Und wenn wir so einen Chemiepark vor der Tür haben, im Durchschnitt aber nicht besser gestellt sind und die Menschen nicht wesentlich davon partizipieren wie in anderen Gegenden, wo es vielleicht einen schönen Wald gibt oder einen schönen See oder sonstiges, dann glaube ich, wird die Akzeptanz nicht mehr lange vorhalten. Im Land haben wir Beispiele, wo die Leute sagen: ich will den Verkehr nicht mehr haben, ich will die Belastung nicht mehr.
Das werden sie in Berlin vielleicht nicht mitbekommen. Aber es gibt in Sachsen-Anhalt Regionen, die wollen gar nicht mehr. Die sagen: gehen Sie woanders hin. Und wenn sich so eine Kultur im Land Sachsen-Anhalt verbreitet, dann glaube ich, ist das so schnell auch nicht wieder einzufangen. Hier sollte man wirklich abwägen und den Komunen, die belastet sind, einen höheren Anteil der Gewerbesteuereinnahmen belassen, damit sie ihre Aufgaben erfüllen und die Attraktivität der ganzen Region steigern
können.
Gibt es Aussicht auf Erfolg, oder kämpfen Sie immer noch gegen Windmühlen?
Nach einem Jahr hat man sich in Magdeburg immer noch erfolgreich dagegen gewehrt, Gespräche in dieser Richtung zu führen. Mein Ansinnen ist es gar nicht, gegen dieses Finanzausgleichsgesetz in irgendeiner Art und Weise vorzugehen. Es gäbe auch pragmatische Lösungen, dass man zum Beispiel einen Deckel einführt oder die Berechnungsgrundlage verändert. Das ist auch eine Möglichkeit. Dieses Finanzausgleichsgesetz soll eigentlich zur gerechten Verteilung beitragen.
Das ist auch aus unserer Sicht wichtig und notwendig. Wir wollen solidarisch sein im Land. Aber man muss eben schauen, wenn unter dem Strich gar nichts mehr rauskommt, dann braucht man es auch nicht. Wir haben jetzt im November die Gelegenheit, mit dem Ministerpräsidenten am Rande einer Landtagssitzung zu reden und auch mit unserem Finanzminister, Herrn Michael Richter. Bisher waren die Signale, die aus Magdeburg kamen, immer Unverständnis. So nach dem Motto: ihr habt genug Geld.
Angenommen Sie haben Erfolg – wofür würden Sie das Geld zuerst ausgeben?
Wir machen uns natürlich Gedanken dazu, und gegenwärtig ist ein sehr aktuelles Thema die Wärmeplanung für die Kommunen.
Das bedeutet was?
Die Wärmeplanung in den Kommunen soll dafür sorgen, dass in der Zukunft die Energieversorgung der Bevölkerung CO2-neutral wird. Wenn sie einmal erstellt ist, kann sie dazu beitragen, dass die Bürger nur noch einen bestimmten Energieversorger auswählen können. Wenn ich jetzt z. B. sage, ich erschließe Leuna mit Fernwärme, dann würden die Leunaer, sobald der Wärmeplan fertig und genehmigt ist, praktisch keine Luft-Luft-Heizung mehr einbauen können, zumindest nicht gefördert. Das bedeutet zwar eine gewisse Beschränkung, ist aber nötig um den Anschlussgrad zu erreichen, der zum Betreiben von so einer Fernwärmeanlage benötigt wird. Das war nur ein Beispiel.
Es gibt auch im ländlichen Bereich Insellösungen, wo man Wärmenetze im Verbund schaffen könnte, die aus verschiedenen Energieträger bestehen und dann Wärme einspeisen. Solche Wärmeplanung spielt praktisch bundesweit in den Kommunen eine Rolle. Sie wird hohe Investitionen für die Städte nach sich ziehen. In Leuna könnten wir uns vorstellen, über die Stadtwerke in der Kernstadt und in Spergau Fernwärme anzubieten. Dafür brauchen wir natürlich Geld. Das ist keine Frage. Wenn wir dadurch langfristig für bezahlbare Wärme sorgen, und die Bevölkerung partizipiert, dann ist das ein langfristiges Ziel für uns.
Wir würden auch weiter in die weichen Standortfaktoren investieren. Also zum Beispiel neue Wohngebiete erschließen, damit auch die hochqualifizierten Arbeitsplätze sich hier verwirklichen können. Wir würden Kitas aus- und neubauen und Sporthallen. Das gehört zur sozialen Infrastruktur. Wir haben so viele Vereine in der Stadt und auch Sportvereine, für die wir die Hallenzeiten heute schon nicht mehr absichern können. Dann gehen Vereine bei der Vergabe von Sporthallenzeiten leer aus. Wir brauchen deshalb dringend eine neue Sporthalle.
Eine Schwimmhalle haben wir schon gebaut. Wir könnten uns auch vorstellen, unser Waldbad weiter zu modernisieren. Also noch ein Beispiel. Dort haben wir jetzt nach 25 Jahren endlich die Folien-Erneuerung. Es ist ein wunderschönes Waldbad. Da kann man nicht nur baden, sondern auch waldbaden, also die Ruhe genießen im Wald, und das mitten in Leuna – das ist auch so ein Sonderfall. Die sanitären Anlagen müssen wieder
instand gesetzt werden und auch die Versorgung. Dort gibt es nur einen Kiosk. Aber wenn dort 2.000 Leute drin sind, können sie sich die Schlange vorstellen. Wenn dort einer ’ne Portion Pommes bestellt, dann warten 50 Leute, bis die eine Portion fertig ist, damit sie weiter rücken können.
Dass ist alles nicht mehr zeitgemäß. Dort müssen wir ein anderes gastronomisches und auch kulturelles Angebot unterbreiten, damit die Leute das einfach wahrnehmen und auch Lust darauf haben. Man muss den Leuten auch wieder Lust machen, solche Angebote anzunehmen und nicht nur auf die sinkenden Besucherzahlen schauen.
Die Leunaer stehen bei solchen Vorhaben doch sicher hinter Ihnen?
Ja. Das Waldbad ist eine Herzensangelegenheit. Wir haben deshalb in diesem Jahr den Jahresempfang der Stadt im Waldbad abgehalten, um genau mal den Fokus darauf zu richten. Das sind genau die Dinge, wo wir Geld brauchen. Das kommt auch direkt bei den Bürgern an. Wir halten es ja nicht vor, aus Gewinngründen, sondern für die Bürger, damit sie es nutzen. Ein Großteil der Geschäftsführer, die bei dem Empfang anwesend waren, waren begeistert von dem Platz. Viele kannten ihn vorher nicht. Aber Sie haben mich vorhin noch gefragt, wie wir als Stadt dazu beitragen können, den Chemiestandort zu entwickeln.
In der Pipeline ist auch das BioEconomy Hub für Leuna. Hier sollen Forschungsergebnisse, die möglicherweise am Fraunhofer-Institut, am DLR oder an der Hochschule Merseburg entstehen, ausprobiert werden. Und da brauchen wir Laboreinrichtungen, die mehr oder weniger auch über die Werkmauern hinaus errichtet werden sollen. Da gibt es Pläne. Und wir haben dort als Stadt auch ein großes Grundstück, das wir dafür zur Verfügung stellen. Das halten wir für genau so eine Ansiedlung wie die des BioEconomy Hub vor. Das wird dann mit einer Brücke ins Werk führen. Hier arbeiten wir eng mit dem Chemiepark zusammen, und können Grundstücksfragen klären oder Grundstücke zur Verfügung stellen. Wir haben da ein sehr hohes Interesse dran. Ich bin als Bürgermeister auch im Vorstand der IBLM, die machen die überbetriebliche Berufsausbildung am Standort.
In Zukunft wird die Weiterbildung eine immense Rolle spielen, weil die Lebensläufe nicht mehr vom Ausbildungsberuf bis zum Renteneintritt anhalten werden. Man muss sich immer wieder neuen Anforderungen anpassen. Und da haben wir am Standort über die BAL und die IBLM im technischen und Meister-Bereich eine sehr hohe Qualität zu bieten. Das unterstützen wir natürlich als Stadt. Wir setzen uns auch für eine frühkindliche Berufsorientierung ein – also ab der siebten Klasse. Da ist unser Chemiestandort etwas benachteiligt, weil jüngere Schüler eben nicht auf den Standort gelassen werden, sondern eine strikte Altersgrenze gilt. Aus unserer Sicht und auch aus der Sicht der Chemieunternehmen liegt hier ein gewisser Nachteil in der Berufsorientierung, den wir außerhalb des Werksgeländes ausgleichen müssen.
Das bedeutet, dass alle Unternehmen um sichtbar zu sein, außerhalb des Werkes eine Werkbank oder ein Schaufenster brauchen?
Das übernehmen praktisch die BAL und die IBLM, die mit der überbetrieblichen Ausbildung der Chemieunternehmen beauftragt sind. Dort bräuchten wir in der Zukunft mehr Projekte, damit die Schüler aus den Sekundarschulen wieder nach Leuna kommen, um einen berufspraktischen Tag zu erleben und die Ausbildungsberufe – es geht nicht nur um Chemie sondern auch um Büro- und technische Berufe – kennenzulernen.
Woanders bekommen die Schüler ihren Praktikums-Schein und gehen zum Beispiel in Handwerksbetriebe, die auch Nachwuchs brauchen. Im
Chemiepark kann kein Schüler zum Praktikum gehen …
… weil die Werkmauer drumrum ist und die Sicherheitsbestimmungen das verhindern …
Genau. Das ist eine Benachteiligung der Unternehmen vor Ort. Hier sind wir mit der Politik im Gespräch, mit dem Bildungsministerium, dem Landkreis. Wir möchten, dass der regionale Arbeitskreis der Berufsorientierung den Daumen in die Wunde legt und für das unmögliche
Projekt einsteht, die berufspraktischen Tage in der zum Werksgelände benachbarten Einrichtung zu absolvieren. Das ist ein ganz wichtiges Projekt, wo wir mitwirken können und müssen.
Ich sage immer: wir haben so
ein Riesenglück in Leuna, dass wir
die Berufsausbildung des Saalekreises
und auch die überbetriebliche
Ausbildung direkt vor Ort haben.
Kurze Wege sind immer attraktiv für dieJugendlichen, die ja meist nicht weit weg von zu Hause ihren Beruf erlernen wollen. Es gibt Ausnahmen, aber das Groß will eben kurze Wege haben, und die haben wir jetzt noch in Leuna.
Selbst die akademische Bildung in Merseburg, Leipzig und Halle wäre ja vom heimischen Kinderzimmer zu erreichen …
Genau. Die Verbindung zur Hochschule Merseburg, die aus der damaligen technischen Hochschule hervorgegangen ist, ist auch ein großer Vorteil. Sie ist damals mehr oder weniger für die hiesigen Chemiestandorte gegründet worden. Der Hochschulrektor, Professor Dr. Krabbes, ist auch
sehr, sehr offen in der Zusammenarbeit. Mit ihm wollen wir über die Entwicklung einer regionalen Marke sprechen. Ingolstadt ist so eine Marke. Jeder weiß, was gemeint ist, wenn man den Namen hört oder dort hinzieht. Oder München, Frankfurt. Wir bräuchten auch so eine regionale Marke. Nicht für Leuna aber vielleicht für Mitteldeutschland. Eine Marke, die ausdrückt, dass wir als Arbeitsstandort attraktiv sind.
Ich vermute mal, dass die Hochschule Merseburg nicht nur von Studierenden aus Merseburg besucht wird?
Das war meine Heimat-Hochschule. Ich habe dort studiert. Und ich kann ihnen sagen: ein sehr großer Teil waren tatsächlich Pendler. Die haben in der Region gewohnt. Ich meine, heute weiß ich nicht mehr, wie die Zusammensetzung ist, aber es war eben mehr so eine Insider-Hochschule. Wobei die Bedingungen in Merseburg natürlich auch hervorragend sind. Wir haben für die Studierenden ausreichend Wohnraum und annehmbare Mieten und die Hörsäle sind nicht überfüllt wie in manchen Universitäten – also beste Studienbedingungen!
Und das gilt auch für die Berufsausbildung in Leuna!
Wie gesagt: die Berufsorientierung treibt uns noch ein wenig um. Die Firmen und auch die Berufsschule haben eine hervorragende Arbeit geleistet und eine Steigerung der Ausbildungsverträge erreicht. Um das aber langfristig zu sichern, muss man, glaube ich, in der Berufsorientierung professioneller vorgehen.
Das, was ich angesprochen habe: also die Schüler, zumindest aus den Sekundarschulen, wenn nicht sogar aus den Gymnasien, sollten in einem Schuljahr mal eine Einrichtung besuchen können und praktisch tätig werden. Sie sollten sich einfach mal ausprobieren können, mal mit chemischen Substanzen umgehen und vielleicht auch im Elektrobereich, im IT-Bereich, einfach mal etwas wirklich selber machen. Es gibt doch von Konfuzius diesen Spruch: »Sage es mir, und ich werde es vergessen. Zeige es mir, und ich werde mich erinnern. Lass es mich tun, und ich werde es können!«
Das ist der Punkt.
Die jungen Menschen müssen sich ausprobieren dürfen
bevor sie sagen können: »Ach nee, das will ich nicht.« oder »Super, das ist mein Ding.« Dann wird es möglicherweise auch zu geringeren Ausbildungsabbrüchen kommen und zu einer klareren Vorstellung unter den Jugendlichen. Alle zieren sich im Moment, weil sie glauben,
es kostet nur Geld. Aber was kostet mehr Geld? Die Verantwortlichen im regionalen Arbeitskreis, im Landkreis, in den Agenturen und im Bildungsministerium – das habe ich vorhin angesprochen – sind im Moment nicht bereit so einen Weg zu gehen.
Zumindest haben
sie uns das noch nicht signalisiert. Man gibt sich immer so ein bisschen den Hut rum. Keiner sagt: »Jetzt machen wir das.« Keiner organisiert
das. Dabei würde das zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, weil der Versorgungsgrad der Beschulung – zumindest in den paar Stunden der externen Betreuung – steigt. Die Pädagogen in den Schulen haben sie im Moment ja sowieso nicht oder kriegen sie nur schlecht rein.
Der Lehrermangel ist allgegenwärtig. Und wie gesagt: der Vorteil, dass die Schüler vielleicht besser Bescheid wissen über das, was sie wollen. Es ist schade aber eigentlich nicht verwunderlich, dass ein Zehntklässler nicht weiß, was er einmal beruflich machen möchte. An den Schulen liegt das nicht. Die Direktoren haben Bereitschaft signalisiert. Die wollen das. Nur die Finanzierung ist nicht geklärt, und die Finanzierung können nur die Landkreise mit dem Bildungsministerium klarmachen. Natürlich macht eine Bildungseinrichtung solche
Zusatzangebote nicht umsonst.
Herr Bedla, ich drücke die Daumen, dass Bewegung in die Sache kommt und auch die anderen Vorhaben gelingen. Wir werden das als Leuna-Echo aufmerksam begleiten. Für heute danke ich für das interessante Gespräch!





